Gesellschaft

Der normale Irrsinn – von der zwanghaften Suche nach simplen Antworten

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„In unserer verrückten Gesellschaft ist es ganz normal, dass sogar normale Menschen verrückt spielen.“ (Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

Der Amoklauf von München, wie so oft sekundengenau verfolgt, getwittert, gepostet, schon vor Gewissheiten in Grund und Boden analysiert von der Presse, selbstverständlich aus dem hehren Grund der Informationspflicht, er hat das Potenzial, Errungenschaften von Jahrzehnten zunichte zu machen. So lange hatte es gebraucht, psychische Erkrankungen zumindest weitestgehend vom Stigma der Unzurechnungsfähigkeit, des „Irre seins“, des Zweifels am Lebenswert der Betroffenen zu befreien. Nicht, dass die Fortschritte in dem Bereich tatsächlich gefestigt gewesen wären. Depressive, Schizophrene, Psychotiker, Borderliner und alle anderen Erkrankten kannten auch in Zeiten der Aufklärung über mögliche Krankheitsursachen, Traumaforschung, Psychoanalyse, flächendeckender Berichterstattung die Erfahrung, nicht ernstgenommen zu werden, Mensch zweiter Klasse zu sein. Nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch im gesellschaftlichen Miteinander. Diejenigen, deren Erkrankungen gar so weit gingen, dass sie zur Arbeitsunfähigkeit führten, lebten in den meisten Fällen mit dem Damoklesschwert der Angst vor Verlust der Existenzgrundlagen im Falle von „unkooperativem Verhalten“, bei Verweigerung von Medikamenten, litten unter normierten Therapieansätzen, die selten mehr zu bieten hatten als das Pochen auf „Tagesstruktur“, waren permanent konfrontiert mit dem Stigma „Faulheit“, die dem gesellschaftskompatiblen Menschen fast noch widerlicher ist, als das Stigma „Verrückt“. Weiterlesen

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Lebens-Wert

Madeline ist 18 Jahre alt, Australierin und Model.

Ihre wachsende Fan-Gemeinde liebt sie für ihren Porzellanteint und lange, rote Haare, für ihre Begeisterungsfähigkeit und dafür, dass sie ihren Werdegang mit den Fans via YouTube und Facebook teilt.

Viele junge Frauen träumen von der Karriere, die Madeline gerade macht. Davon, ebenso wie sie bei der New York Fashion Week mitlaufen zu dürfen und zahllose Titelseiten zu schmücken.
Und doch ist es nicht allein dieser Erfolg, der Madeline Stuart so einzigartig macht.
Es ist die Tatsache, dass Madeline damit der ganzen Welt vor Augen führt, was „Lebenswert“ bedeutet.

Denn Madeline hat das Down-Syndrom. Weiterlesen

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Es ist angerichtet

“Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.” (Johann Heinrich Pestalozzi)

Die Organisation „Die Tafel“ ist, von Ort zu Ort und Stadt zu Stadt, unterschiedlich aufgestellt, deshalb einige Worte vorweg hinsichtlich der Tafel-Strukturen vor Ort:

Hier sind die Hilfsbedürftigen, nachdem sie ihren Anspruch nachgewiesen und den bürokratischen Teil hinter sich gebracht haben, in zwei Gruppen aufgeteilt: A und B.
Diese wechseln sich wöchentlich ab, so dass jede Gruppe alle zwei Wochen des Mittwochs für Lebensmittel anstehen darf, die von Supermärkten und Bäckereien der Umgebung abgegeben wurden. Das Los entscheidet darüber, welche Nummer man beim nächsten Besuch hat, was nicht ganz unwichtig ist, denn eine hohe Nummer bedeutet nicht selten, dass Obst und Gemüse, an denen es oft mangelt, bereits vergeben wurden. Selber habe ich schon erlebt, dass ich als eine der Letzten noch zwei Bananen, eine Dosensuppe und Brot und Brötchen erhielt. Überhaupt sind Backwaren das Einzige, das nie zu knapp wird.

Bevor ich Ihnen nun von einigen Erlebnissen dort berichte gilt es erst einmal, das politische Konstrukt „Tafel“ in seiner Entstehung und Funktion näher zu beleuchten.

Vielleicht ist es für einige schon aussagekräftig genug zu erfahren, dass es u.a. die
Unternehmensberatung McKinsey war, die das Konzept der Tafeln mit konzipierte. Ein neoliberaler Anschlag gegen den Sozialstaat, der im Stillen stattfand, wärmstens versteckt unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe. Weiterlesen

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Endlich

Man schließt die Augen der Toten behutsam; nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen. (Jean Cocteau)

So sehr unsere Gesellschaft auch darauf beharrt, auf- und vor allem abgeklärt zu sein, man verfängt sich beim Kratzen an der Oberfläche und näherer Betrachtung des vordergründig schönen Scheins schnell in all den Widersprüchen, die den meisten schon Gewohnheit sind.

Und so hat sich in unserer Medien – und Konsumgesellschaft trotz aller Beteuerungen, ein wissenschaftlich nüchternes Bild vom Leben zu haben, vor allem eine Angst voll ausgeprägt:
Die Angst vor der Endlichkeit

Da der Homo Ökonomikus sich vor allem als Konsument versteht, oder auch von anderen so verstanden und gehandhabt wird, wird von der Wiege bis zur Bahre konsumiert, was das Zeug hält.

Das Leben beginnt hier mit Konsum von Märchen und vor allem Kinderbüchern, die „sauber“ sind. Kein Tod, kein Schmerz, keine Behinderung, keine Sorgen weit und breit. Alte Märchen sind wohl in manchen Kindheiten das einzig nicht „kindgerechte“, nicht „saubere“, schaut man sich die wunderbaren Märchen der Gebrüder Grimm oder z.b. das großartige, nicht-disneyfizierte Original der „kleinen Meerjungfrau“ an. Dort gibt es noch das Scheitern, den Tod, Grausamkeiten, Ängste.
Wir diskutieren heute verwundert, wieso man Kindern solche Geschichten erzählte während wir unsere Kleinen in Watte packen, und ihnen jede reelle Sicht auf das Leben versperren, wo es nur geht. So habe ich persönlich als Kind das Buch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren heiß geliebt. Vor einigen Monaten wollte ich es noch einmal lesen, da es als Kind solchen Eindruck hinterlassen hatte. Erschrocken las ich die Rezension einer empörten Mutter, die anprangerte, das Thema Tod in dem Buch sei für Kinder nun denkbar ungeeignet und keinesfalls zu empfehlen. Dem kann ich nur widersprechen. Ganz im Gegenteil geht Astrid Lindgren wie gewohnt sehr liebenswert und vorsichtig mit ihren jungen Lesern um.
Den vermeintlich pädagogisch wertvollen Büchern folgt das Öko-Holzspielzeug, die glutenfreie Kost und Daueraufsicht auf dem Spielplatz. Nicht, dass das Kind sich das Genick bricht bei der wilden Rutschfahrt oder im Sandkasten abhandenkommt.
Später sorgen wir dafür, dass Oma im Krankenhaus leidet und stirbt und erzählen dem Kind, sie sei auf Urlaub. Weiterlesen

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