2016

Frostig

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Trat man in den letzten Tagen morgens vor die Tür, begrüßte einen der Nachtfrost, der von einem Tag auf den anderen Straßen und Autos, Bäume und Büsche überzog. Und man kommt kaum umhin, Parallelen zu ziehen. Auch unsere Gesellschaft wird frostiger, den Nachbarländern geht es nicht anders. Und auch mit dem Frost verhält es sich in jedem Jahr ähnlich: Von der Bahn über die Post bis hin zum regulären Autofahrer will ihn niemand kommen sehen haben, obwohl selbst ohne meteorologische Vorhersagen Winter eben im Winter einzukalkulieren wäre.
Die Kausalität „Winter = Potenziell kalt und glatt“ funktioniert, trotz verlässlicher Prognosen und Wahrscheinlichkeiten, für die meisten Menschen offensichtlich nicht in einem Maße, das sie Vorkehrungen treffen lassen würde. Und wie der Bodenfrost zuverlässig Blechschäden, Verspätungen und gelegentlich auch Tote fordert, wenn er gar zu garstig wird, ist auch die soziale Kälte, so man sie verdrängt bis es zu spät ist, geeignet, gesellschaftliche Schäden und Schäden am Menschen zu verursachen. Beides absehbar. Lange vorher. Nur, dass der Winter den jährlichen Turnus pflegt, während die Abkehr von Menschenrechtsideen ihrem eigenen, historischen Rhythmus folgt. Doch auch für sie gibt es Vorzeichen. Was dem Winter der Herbst, das Laub auf den Straßen, die kahlen Bäume, ist der Abkehr vom Humanismus, von Recht und Sozialstaat die öffentliche Anfeindung, die Ausgrenzung der Schwachen, Alten, Behinderten, Armen, Gleichgültigkeit gegenüber Gesellschaft und dem Gegenüber und nicht zuletzt die Zuwendung zum Autoritarismus.  
Doch was man im Winter, in Schnee und Eis noch direkt lernt – das Auto, dessen Lenkrad man nicht selber im Griff hat, indem man wenigstens eine Hand zum Steuern nutzt, gerät leichter ins Rutschen und die Unfallgefährdung steigt – das lernt man im Politischen oft erst zu spät. Der vermeintliche Heilsbringer, dem man auf Basis hohler Rhetorik zujubelte, versprach er doch Wohlstand, Sicherheit, das wohlige Nichtstun und die Übernahme der Steuerfunktion, hat weder die Möglichkeiten noch die tieferen Einsichten, die individuelle Lage zu verbessern, das Auto zu lenken, in dem man sitzt. Er sieht weder den Weg, der hinter dem Individuum liegt, noch dessen Potenzial oder die Möglichkeiten auf dem Weg vorwärts. Er regiert nach eigenem Gutdünken, nach Ideologien, totalitär.
 
Nur gibt es die eine Lösung für alle eben nicht. Dieser Gedanke ist in Verfassung und Rechtsstaat implementiert. Und er war ein Teil des Strebens nach Sozialstaatsprinzipien, bis hierzulande die rot-grüne Koalition den Spätherbst einläutete und die große Koalition ihn dann festigte und vorantrieb.
Eine der Errungenschaften der Menschenrechtsidee, heute zum „Gutmenschentum“ abgestempelt, war, das Individuum als Wert an sich zu verstehen, Minderheiten und Individuen mit Rechten auszustatten, die einer Diktatur der Mehrheit entgegenstehen. Wer nun also auf der rutschigen Fahrbahn ins Schlingern gerät, aus Eigenverschulden oder durch Fremdverschulden, dem ist nicht zwangsläufig geholfen, wenn er kollektiven Ratschlägen, das Lenkrad nach rechts umzureißen, folgen soll. Das hat schon so manchen in die Leitplanke getrieben.
 
Während der Winter, zumindest in unseren Breitengraden, jedoch zwangsläufig einkehrt, so ist die Entwicklung hin zu einem politischen Winter nicht ganz so zwangsläufig. Sicher ist alles Entwicklung und Bewegung und jede große Kultur fand irgendwann ihr Ende, doch kann man sich entschließen gegenzusteuern, mitzutun oder eben andere machen zu lassen. Und so ist dann auch Zorn auf die politische Klasse, auf Korruption, auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sicherlich berechtigt, doch es ist individuelle Entscheidung, diesen in konstruktive oder destruktive Bahnen zu lenken. Wobei konstruktiv, entgegen oft kolportierter, konservativer Stimmen aus der vermeintlichen „Mitte“, eben nicht zwangsläufig Einverständnis und Wahl der Etablierten bedeuten muss, sondern durchaus auch heißen kann, Neues zu gründen, neue Ideen einzubringen, gegen das Bestehende zu arbeiten. Wobei hier „gegen das Bestehende“ eben nicht bedeutet „gegen Menschen“.
 
Es bedeutet vielmehr, im Rahmen gesellschaftlichen Konsens‘ gemeinsamer Werte, von denen der Wert des Individuums an sich, ohne Ansicht von Herkunft, Hautfarbe, Bankkonto, Religion etc., wohl das höchste Gut ist, Neues schaffen. Dem eigenen Lebensbedürfnis Platz zu schaffen, wie auch dem Bedürfnis des Anderen Platz zu lassen. Wer sein Schicksal in die Hände einer anderen Person legt, einer kleinen Gruppe, anstatt eben die Machtverhältnisse, die ihn bisher so echauffiert haben, aufzulösen, der hat jedes logische und konstruktive Argument hinter sich gelassen. Kein Hofer, keine Le Pen, kein Trump, kein AfD-Grande dieser Welt wird in Ihrem Sinne entscheiden. Und er wird Ihnen auch keine Träne nachweinen, sollten die neuen, autoritären Regeln Ihnen zum Schaden gereichen, ganz gleich, ob er Ihre Stimme hatte oder nicht. Und ist Macht erst einmal in autoritären Händen, wird sie noch weniger gern wieder abgegeben, als das heute schon der Fall bei denen ist, die sich für „gemäßigt“ halten, während sie den Boden bereiten für die radikalen Tendenzen, die sie nach außen verurteilen.
 
Erdogan ist eines von vielen Beispielen dafür. Das Wesen des Autoritarismus ist es eben, nicht teilen zu wollen. Nicht Entscheidungsfindung, nicht Macht, nicht Gesellschaftsidee und -Raum. Und wenn Sie immer noch dem Glauben nachhängen, Autoritäre würden mit Ihnen Wohlstand teilen, nur weil Sie den richtigen Pass bei sich tragen, dann schauen Sie sich die Schlösschen und Schlösser, die Prunkbauten und die Selbstbereicherung in Autoritären Staaten an. Vielleicht belehrt Sie das noch eines Besseren, bevor Sie und die Menschen, die diese Gesellschaft mit Ihnen teilen, dies auf die harte Tour lernen müssen. Rebellieren Sie gegen das Unrecht, das Ihnen in der Gesellschaft begegnet. Schaffen Sie nicht noch Schlimmeres. Seien Sie zornig auf die, die nachweislich ihren Beitrag dazu geleistet haben, nicht auf die, die Schwächer sind als Sie.
 
Ihr Zorn ist berechtigt. Ihr Fazit ist es nicht.
 
Egal wie rutschig die Straße gerade ist: Das Lenkrad im Moment der Notlage in der eigenen Hand ist immer besser als in den Händen eines anderen.
 
Einige Menschen haben das begriffen, als sie am vergangenen Sonntag das Ruder herumrissen und Hofer verhinderten um Van der Bellen eine Chance zu geben. Leider ist damit noch nicht viel gewonnen, außer der temporären Erleichterung die daraus resultiert, dass die Gleichgültigkeit noch nicht alle erreicht hat. Es ist ein wenig geschenkte Zeit, in der die „Etablierten“ verstehen lernen müssen, welchen Anteil sie an der Gesellschaftsspaltung und der zunehmenden Kälte haben.
 
Wenig hilfreich sind da gerade jetzt Kommentare, wie Sie Frau Rohrer auf FischundFleisch veröffentlichte:
„Wir wundern uns aber auch, dass die Beschreibung der Stimmung in Österreich, die aufsteigende Wut auf Politik und System eben, gestern, Sonntag, nicht ausreichend im Wahlergebnis durchgeschlagen hat. Zwar haben laut einer Nachwahlanalyse Pessimisten zu 70 Prozent Hofer gewählt und Optimisten Van der Bellen, aber insgesamt kann die Stimmung bei einer Differenz von 6,6 Prozentpunkten nicht so mies sein, wie meist dargestellt.“
Frau Rohrer zieht die falschen Schlüsse.
 
Die Stimmung ist mies. Die soziale Ungleichheit wächst. Doch es gibt dennoch Betroffene, die trotz der eigenen persönlichen Schieflage, trotz empfundenen Unrechts konstruktiv wirken wollen, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass Verstand einkehrt bei denen, die die Situation immer noch schönreden wollen. Es wird also Zeit, den Gedankengang „So schlimm kann es ja gar nicht sein, wenn…“ hinter uns zu lassen, wenn wir nicht wollen, dass Menschenverachtung tatsächlich als einzige Maßnahme, zur Kenntnis genommen zu werden, wahrgenommen wird.
Nur, weil sich einer nicht radikalisiert heißt das nicht, dass bei ihm alles „eh nicht so schlimm“ ist. Es heißt nur, dass er sich und die Gesellschaft noch nicht aufgegeben hat.
 
Und sich erhofft, dass der politische Winter noch abzuwenden ist, obwohl es merklich kälter wird.
 
 
 
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Nun also doch

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Es ist einer dieser Tage, an denen ich gerne mehr Einfluss hätte, mehr Leute erreichen würde mit dem, was ich schreibe. Wir sehr würde ich mir wünschen, in diesem Moment würden einige ihre Aufmerksamkeit von Trump abwenden und für einen Moment ins eigene Land schauen. Der Bundestag billigt nun doch die Ausweitung von Tests an Demenzkranken. Ich hatte über den Gesetzesentwurf bereits im Juni berichtet:

Damals wurde der Antrag noch abgelehnt, weil einige Abgeordnete diese Idee nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Diese berechtigten Gewissensbisse hat man ihnen nun ganz offensichtlich ausreden können. Ein gewissenloses Gesetz das nun kommen wird. So sich denn nicht breiter Widerstand regt.

Einen „ethischen Tabubruch ohne Not“ nennt es der Tagesspiegel und wird wohl doch ungehört bleiben. http://www.tagesspiegel.de/politik/arzneitests-an-demenzkranken-ein-ethischer-tabubruch-ohne-not/14832674.html

Und führt gleich an, wie infam man den Tag der Abstimmung auf eine Zeit gelegt hat, die garantieren würde, man müsste nicht berechtigte Empörung fürchten:

„Nun hat es Hermann Gröhe gegen alle Widerstände also doch geschafft. Erstens: die Möglichkeiten für Arzneitests an Demenzkranken auszuweiten. Und zweitens: Die ethisch hochbrisante Änderung unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle zu halten. Der Tag, an dem das heikle Thema im Bundestag aufgerufen wurde, war just der Tag nach der US-Wahl. Als auch hierzulande keinen politisch groß was anderes interessierte als der unglaubliche Triumph des Donald Trump.“

Und wenn ich mir nun etwas wünschen könnte, es wäre Aufmerksamkeit für dieses Unrecht und nicht für das, worauf ein Großteil der Presse gerade den Fokus lenkt.

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Reden wir über…

 

Epilepsie

Interview mit Markus aus Wien, 47 Jahre alt, seit frühester Kindheit an Epilepsie erkrankt

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(Auf dem Foto: Markus aus Wien, heute, nach erfolgreich verlaufener OP)

Man schätzt, dass 0,5% – 1% der Bevölkerung an Epilepsie leiden. Noch mehr, etwa 2%, erleben wenigstens einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Findet sich eine Ursache für eine Epilepsie (z.B. ein alter Schlaganfall oder eine Raumforderung, siehe Schnittbild des Gehirns), handelt es sich um eine symptomatische Form. Bei den meisten sogenannten idiopathischen Epilepsien konnte eine genetische Ursache festgestellt werden. In einigen Fällen bleibt die Ursache jedoch ungeklärt. Von Patient zu Patient variieren sowohl die Anfallhäufigkeit, wie auch die Intensität und Art der Anfälle. Für die meisten Epileptiker gehören jedoch Absencen, Auren oder gar der gefürchtete „Grand Mal“ zum Lebensalltag.

Einer von ihnen ist Markus aus Wien, 47 Jahre alt.

Susannah Winter: Hallo Markus, vielen Dank, dass du dich bereiterklärt hast, an „Reden wir über …“ mitzuwirken. Du hast im Vorfeld das Alter der ersten Anfälle um das 6-7 Lebensjahr angesetzt. Wie sah der erste Anfall aus? Wie schnell gab es die Diagnose? Wie sahen allgemein die ersten Behandlungsvorschläge aus und würdest du diese in Rückschau als „hilfreich“ und „vorbeugend“ einstufen? Falls nicht: Was hättest du dir in Retrospektive von Ärzten, Familie gewünscht? Was wäre hilfreich gewesen?

Markus aus Wien: Nach mehr als 40 Jahren hab ich mich im Zuge dieses Interviews erstmals wieder mit meiner alten Krankenakte beschäftigt. Womit alles begann ereignete sich, als ich fünf Jahre alt war. Es war ein Familienausflug, bei dem ich plötzlich umgefallen bin und für mehrere Stunden im Koma lag. Laut Krankenbericht war es eine Meningoencephalitis, eine Gehirnhautentzündung. Das Koma ist mehr als 40 Jahre her, aber ich kann mich noch immer genau an den Moment des Erwachens erinnern. An meine ersten Worte „Wo bin ich?“, ich sehe die Zimmerdecke noch genau vor mir. Den Moment werde ich nie vergessen. Danach begannen die Anfälle. Die ersten Jahre immer wieder einige kleinere Anfälle in der Woche. Bis ich dann mit elf den ersten großen Grand Mal hatte. Weiterlesen

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Und noch einmal: In eigener Sache

In eigener, wenn auch artfremder, Sache: Dank an Stathi Vassiliadis für Musik, Gitarre, Mixing, Mastering, Geduld und Humor. Nach Jahren der Abstinenz wird jetzt das Singen wieder in Angriff genommen. Neben Songwriting stehen auch Bandprojekte in den Startlöchern.

Ein Link zum neuen Song:

 

 

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Eigenwerbung

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Kleiner Hinweis in eigener Sache:

Ich möchte diesen Monat ganz besonders die aktuelle Ausgabe der „Konkret“ ans Herz legen. Ich durfte eine kleine Literaturrezension schreiben („Liebe ist nicht genug – Ich bin die Mutter eines Amokläufers“ von Sue Klebold), die im aktuellen Heft zu finden ist.

Aber ein Blick in die „Konkret“ lohnt sich so oder so 😉

Vielen Dank

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Sinn und Unsinn von Patriotismus

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Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.[Arthur Schopenhauer]

Heimlich, durch die Hintertür, rhetorisch geschönt und parfümiert hat er wieder Einzug gehalten in Deutschland:

Der Patriotismus

Als „Party-Patriotismus“ getarnt, anfänglich für „lustige“ Raab-Events und natürlich für große Fußballereignisse vorbehalten, war dennoch schon in den ersten Zügen seines erneuten Triumphes klar, welche Blüten er treiben würde. Zumindest denen, die sich nicht blenden ließen von „…Schland“ und kollektiver Glückseligkeit unter deutscher Flagge. Wer genau hinhörte, konnte ihn schon vernehmen, den damals noch subtilen Missklang, der sich in das „Wir“-Gefühl einschlich und schnell seinen Fokus auf „Die“ legte. Da gab es „Die Italiener“, die sowieso nur gewinnen, weil sie mehr Glück haben und Fan-Gesänge vor Ort schmetterten freudig: „Ihr seid nur ein Pizza-Lieferant“, bis der Traum vom Finale ausgeträumt war. Und der gegnerische Schütze Balotelli zog den Hass auf sich. Ein Großteil davon mit rassistischer Konnotation. Alles ganz harmlos, versteht sich. Weiterlesen

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Das linke Populismus-Wagnis

Zuerst erschienen auf Peira.org

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Im Schatten der AfD, ihrer Wahlerfolge und Mobilisierung von Nichtwählern, wurden in den letzten Monaten immer wieder Stimmen im linken Parteienspektrum laut, auch die Linke (In diesem Text zusammenfassend für die diversen linken Parteien) müsse mehr Populismus wagen. Möchte man wissen, was von dieser Forderung zu halten ist, muss man sich nur anschauen, welche prominenten Vertreter dieser Idee anhängen:

Glühende Verfechter des linken Populismus‘ sind u.a. Jakob Augstein, der immer mal wieder mit antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments aufwartet und damit durchaus auf Erfahrung in Sachen Populismus zurückblicken kann. Auch Querfrontler Ken Jebsen wurde in der Vergangenheit nicht müde, auf KenFM „Für einen linken Populismus“ zu werben. Allein diese beiden Vertreter der Populismus-Theorie, nach der auch die linke Bewegung Emotionen schüren, Polemik wagen, simplifizieren sollte macht klar, in welch trüben Gewässern man fischt, sollte man sich auf diese Form des Stimmenfangs einlassen.

Wo linke Parteien und Ideen eine Wahlmöglichkeit bieten sollten, im besten Falle als tatsächlich sozialdemokratische Alternative zum zunehmend neoliberalen Kurs der SPD wahrgenommen werden könnten, wirkt die Imitation des AfD-Gebrülls bestenfalls abstoßend auf die, die den Kern linker Politik im Antifaschismus, in der Stärkung von Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechten und vor allem in der Solidargemeinschaft sehen. Der Populismus-Ansatz vertieft die Kluft innerhalb der Linken, zerrüttet, was von einer möglichen linken Bewegung übrig war. Nur wenige können und mögen sich damit anfreunden, Sahra Wagenknecht in AfD-Gefilden zu erleben, wenn sie an der Integrationsmöglichkeit von Flüchtlingen zweifelt und fordert, Menschen in unserem Land müssten sich „wieder sicher fühlen“ (sic) oder von „Gastrecht“ fabuliert. Wer die zunehmend links-autoritäre Fraktion innerhalb der Partei „Die Linke“ erlebt, kommt kaum umhin, Ähnlichkeiten mit AfD und Co. zu erkennen. Also gerade mit denen, die es mit kluger Politik und nicht mit Polemik und Hetze zu bekämpfen gälte.

Hier greift das (für diesen Zweck leicht abgewandelte) Sprichwort:

Lege Dich nie mit einem Rechtspopulisten an! Er zieht dich auf sein Niveau herunter und schlägt dich dann mit seiner Erfahrung!

Tatsächlich können Parteien des linken Spektrums den Kampf um Wählerstimmen auf Basis von Populismus nur verlieren. Das Wesen des Populismus ist verkürzte Kritik, Vereinfachung komplexer Sachverhalte, Inhaltsleere, nicht selten Radikalismus und Dogmatismus. Die Wähler, die sich potenziell davon ködern lassen, sind im nächsten Augenblick auch schon weitergezogen, wenn sie nicht die versprochenen, umgehenden Problemlösungen serviert bekommen. Zeit für nachhaltige Reformen, langfristige Umsetzung linker Ideen wäre nicht gegeben. Im Gegenteil würde die Enttäuschung, die uneingelöste Versprechen mit sich bringen, den Zerfall der Linken beschleunigen.

Ein Beispiel für den verheerenden Bumerang-Effekt von Populismus hat ausgerechnet die FDP mit ihrem „Projekt 18“ geboten:

„Mit Strategie 18, auch Projekt 18 genannt, wurde die Wahlkampfstrategie der FDP zur Bundestagswahl 2002 bezeichnet. Im Mai 2001 beschloss der Düsseldorfer Bundesparteitag der FDP die Strategie, die „mit neuen Formen der Kommunikation und Darstellung … neue Wählerschichten“[1] für die Partei erschließen und die FDP als eigenständige und unabhängige politische Kraft außerhalb eines vorgegebenen Lagers positionieren sollte. Der Name bezog sich auf das Wahlziel, den Anteil an den Wählerstimmen von 6 % auf 18 % zu verdreifachen. Inmitten von Kontroversen über eine möglicherweise damit verbundene rechtspopulistische Ausrichtung erzielte die FDP letztlich 7,4 % und rückte nach der Wahl von diesem Kurs ab.“

Auch damals war Motivator und Ideengeber der Rechtspopulismus, dessen markige Parolen offensichtlich beim Wähler verfingen:

„Auf dem folgenden Bundesparteitag 2001 wurde mit der Wahl Guido Westerwelles eine Abkehr vom bisherigen Image der FDP als „Partei der Besserverdiener“ beschlossen. Das Konzept blieb in der Parteiführung umstritten. Nachdem die FDP im konventionell geführten Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl in Hamburg im September 2001 nur 5,1 Prozent, die rechtspopulistische Schill-Partei dagegen auf Anhieb 19,4 Prozent Stimmenanteil erzielte, konnten sich die Vorstellungen von Westerwelle und Möllemann durchsetzen.“

Zwar war das Ergebnis der damaligen Bundestagswahl für die FDP alles andere als ein Erfolg, lediglich 7,4% der Stimmen konnte sie holen, doch die Ideen und Versprechungen verfingen langfristig und 2009 gelang der FDP schließlich ein Wähleranteil von 14,6%. Damals wie heute profitierten die kleineren Parteien von der Schwäche der Großen, vor allem von den massiven Verlusten der SPD. Und damals wie heute war es eine große Koalition, die diese Parteienmüdigkeit befeuerte.

Doch in diesem kurzfristigen Erfolg, der seine Zugewinne aus destruktiven Tendenzen (gegen die Etablierten wählen, nicht für neue Ideen) bezieht, ist auch schon der Keim des zukünftigen Scheiterns enthalten. Darin besteht eben die Falle eines populistischen Kurses: Für den Wahlkampf konstruierte Versprechen scheitern nicht selten am realpolitischen Alltag. Der Wähler jedoch, der keine gewachsene politische Heimat hat, kein Interesse an langfristigem Konstruktivismus, kein Wissen um Entstehung von Gesetzen, keine Ahnung vom politischen Betrieb, er verzeiht die Abkehr von Wahlkampfzusagen nur schwer. Der FDP gelang weder die versprochene Reduktion von Subventionen noch eine umfassend reformierte Steuerpolitik. Statt dessen festigte sie die Wahrnehmung breiter Teile der Bevölkerung, die in ihr eine „Besserverdiener-Partei“ sahen, die selektiv Klientelpolitik betrieb. Die Entlastung von Hoteliers, der hohe Spenden von Mövenpick vorausgegangen waren, brachten ihr den spöttischen Namen „Mövenpick-Partei“ ein. Die FDP scheiterte an ihren nicht eingehaltenen Wahlversprechen, scheiterte am populistischen Wahlkampfkurs, dessen Rhetorik der politischen Realität nicht standzuhalten vermochte, den eigenen, viel zu hoch angesetzten Zusagen.

Derart demontiert fiel die FDP in sich zusammen, schaffte bei der nächsten Wahl den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde nicht mehr und entschwand, zumindest temporär, in die politische Bedeutungslosigkeit.

Die Linke hat bereits in der Vergangenheit Bekanntschaft mit Wählerfluktuation gemacht, hat Enttäuschte mal angezogen, dann wieder verloren. Die Kommunalwahlen der letzten Monate und mit ihr die Verluste für linke Parteien waren ein Warnschuss, wohin beliebiger Populismus und die Abkehr von linken Inhalten führen kann. Der Wählerkern der linken Parteien erwartet eine klare Abgrenzung von Rechts und ist schnell verloren, wenn er seine Ideale zugunsten eines rhetorischen Schulterschlusses mit Rechtspopulisten verraten sieht. Und der AfD-Wähler wird sich nicht von solchem Blendwerk beeindrucken lassen. Frei nach dem Motto „Warum eine populistische Kopie der AfD wählen, wenn ich das Original haben kann“, befeuert man so noch Hetze und gibt denen Recht, die am lautesten Schreien. Es ist wahr: Angst und Hass, Fremdenfeindlichkeit und Sozialneid verkaufen sich dieser Tage besser, als die Forderung nach Solidarität. Wer jedoch seine politische Haltung daran knüpft, was gerade populär ist, der hat keine.

Auf lange Sicht kann jede linke Partei mit einem Abklatsch der AfD-Wahlkampftaktik nur verlieren. Die zornigen Wechselwähler bleiben sowieso nicht lange da, wo gemäßigt regiert, debattiert und gehandelt wird. Die überzeugten Linken wandern ab, wo sich Linke und Rechte nicht mehr eindeutig voneinander unterscheiden. Die linken Parteien wären gut beraten, sich als verlässliche, sozialdemokratisch orientierte Alternative aufzustellen, mit realistischen, langfristigen Plänen zu punkten, anstatt sich auf populistisches Geplänkel einzulassen. An genau der Stelle hat sich, nicht zuletzt durch die massive Schwäche der SPD, eine Lücke aufgetan, die gefüllt werden kann und muss. Und der Schulterschluss mit Gewerkschaften und Arbeitnehmern stünde jeder linken Bewegung besser zu Gesicht, als das anbiedern an rechtslastige Ideologien und radikale Rhetorik. Das Populismus-Lager ist lange schon gut und effektiv gefüllt mit Pöblern der AfD und CSU und tragischerweise auch mit Mittelfingern der SPD und braucht keine Linke, die mitzieht.

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