„Spring doch“

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Was muss das für ein unfassbares Bild gewesen sein.
Ein junger, verzweifelter Mensch, dem gerade die Flucht aus Somalia und damit vor Bürgerkrieg und Elend gelang, die Flucht vor Islamisten und al-Shabaab-Miliz der so viel durchgestanden hat und nun dennoch an seiner Vergangenheit zu zerbrechen drohte, schickt sich an, sich in den Tod zu stürzen.
Er ist gerade 15 oder 17 Jahre alt (Die Angaben variieren), noch ein halbes Kind und die natürliche Reaktion eines emotional gesunden Menschen bestünde darin, Angst um sein Leben zu haben, ihn abbringen zu wollen. Vielleicht denkt ein normaler Mensch in so einem Moment an seine eigenen Kinder daheim, die dieses Alter bereits hinter sich haben und schon an den alltäglichen Krisen der Pubertät fast gescheitert wären. Oder an die Kinder daheim, die noch jünger sind, aber schon in wenigen Jahren im selben Alter wären. Vielleicht denkt man aber auch an die eigene Jugend zurück, erinnert sich daran, um wie vieles größer jedes kleine Unglück schien und wie desolat die emotionale Lage dann bei jemandem sein muss, der nicht nur kleine Zurückweisungen erlebt oder bloß nicht das gewünschte Weihnachtsgeschenk erhalten, sondern Mord und Verfolgung erlebt hat, das eigene Leben aufs Spiel gesetzt hat, nur um einen Ort zu finden, der ihm Frieden und Ruhe bringen möge. All diese Gedanken wären normal, nachvollziehbar, human. Es ist diese Idee der Empathie, die die Schritte vorwärts in der Geschichte, hin zu Menschenwürde und Menschenrechten, prägte. Der Gedanke, auch der andere habe Rechte, wie auch immer der persönliche Bezug zu ihm aussehen mag. Und es ist die Abkehr von der Empathie, vom Mitgefühl, der der Barbarei ein ums andere Mal wieder Vorschub leistete. Sie ist nicht nur ein Schritt zurück in finstere Abschnitte der Geschichte, sie ist auch ein menschlicher Schritt zurück in frühkindliche Verhaltensmuster, in denen der Mensch noch ein egozentrisches Wesen ist, sein Gegenüber nicht erkennt und noch nicht erkennen kann und tatsächlich glaubt, die ganze Welt drehe sich nur um ihn und seine Bedürfnisse. Das so in seiner Wahrnehmung noch beschränkte Kind glaubt, es müsse nur laut genug schreien und die Welt würde sich damit um es drehen, es bekäme, was es wolle, ohne Rücksicht auf die Kosten der anderen. In der frühkindlichen Phase sind dies meist Schlaf, Energie und Zeit der Eltern.
In diesem Falle kosteten Geschrei und Egozentrik einen jungen Mann das Leben.

„Spring doch!“

Was für ein Mensch muss man sein, wie verroht und kalt, wie sehr in sich selber verschanzt, um einem Verzweifelten dies entgegenzubrüllen? (Ob und durch wen es gefallen ist, wird noch ermittelt.)
Wie inhuman, um noch die Kamera zu zücken und Bilder zu schießen, Videos zu drehen anstatt die Hand zu reichen oder besänftigend und Mut machend auf den suizidalen Jugendlichen einzugehen? Und wie fern jeder menschlichen Wertvorstellung, um nach dem Tode dann noch auf Facebook und in anderen Foren Hass, Häme und Hetze zu verbreiten unter den Bildern des Toten?

Nur einmal zur Klarstellung, damit es auch dem Letzten noch einleuchtet:

Hier und so werden nicht unsere „Werte“ verteidigt. Und nein, hier wird auch nicht „christlich“ gehandelt. Und schon gar nicht entspricht solch ein Verhalten der Verfassung unseres Landes, unseren Gesetzen oder gar unseren Regeln für das gesellschaftliche Miteinander. Ganz im Gegenteil zeigt sich hier die eklatante Missachtung aller „westlichen“ oder gar „christlichen Werte“. Die Missachtung von Recht und Gesetz. Es sind die Schreihälse, die Hetzer und Hasser, die unser Land und unsere Kultur gefährden. Sie sind es, die an Rechtsstaatlichkeit und Humanismus rütteln und damit diejenigen, die dem IS näher stehen, als jeder Mensch, der vor eben diesen Barbaren floh.

Wieder ist es der Osten des Landes, wieder Thüringen, wo derartiges möglich war.
Es wird nötiger denn je für die Polizei, für Politik und Staat, hier mit rechtsstaatlichen Mitteln klare Strafen zu verhängen und damit deutlich zu machen, dass derartiges Verhalten nicht geduldet wird.
Doch, anstatt z.b. die Macher des Videos anzuklagen, die Bilder als Beweismittel einzuziehen, ließ man im Beisein der Polizei das Video löschen. Ob und wie eine Anklage zustande kommen kann, ist und bleibt somit unklar.

Was jedoch bleibt, ist Fassungslosigkeit ob der rasanten Geschwindigkeit, mit der der Hass sich verbreitet und als Opfer, wie so oft, wie überall und immer, die Schwächsten zuerst trifft. Ständig wird von „wehrhafter Demokratie“ geredet, wo die rechts-konservativen Vertreter Mauern und Stacheldrähte meinen. Eine „wehrhafte Demokratie“ müsste im Angesichte des rechten Terrors und rasanter Verbreitung der Verachtung des Individuums, die verfassungsfeindlicher kaum sein könnte, endlich ein klares Bekenntnis zu den eigenen Werten formulieren und die Brüllaffen auf ihre Plätze verweisen.
 
 
 
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Vielen Dank fürs Teilen

2 comments

  1. flurdab says:

    Glaubst du wirklich das die Reaktionen bei einem Nordeuropäer anders gewesen wären?
    Dann setzte mal die Brille ab und schaue.
    In einer Gesellschaft, in der Gaffen, Handyvideos machen und Einsatzkräfte behindern ganz normales Verhalten darstellen, muss man kein „Flüchtling“ sein um zum Sprung aufgefordert zu werden.
    Ja, diese Gesellschaft ist krank.
    Die Leidensgeschichte begann frühesten 1989, spätesten 2005.
    Irgendwann in diesem Zeitrahmen wurden elementare Werte als unnütz bezeichnet. Es begann der Irrsinn der „Eigenverantwortung“ um sich zu greifen, der nichts anderes ist als die Verleugnung der Verantwortung Aller für die Gesellschaft ist.
    „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“, war ein Gipfelpunkt des medial gefeierten Abbruchs des humanitären Firnis.
    Es geht also nicht um „Flüchtlinge“, sondern darum das es chic geworden ist sich am Unglück Dritter zu erfreuen, dieses johlend zu „feiern“.
    Um noch ein wenig Wasser in deinen Wein zu gießen:
    „Ein 18-Jähriger Somalier soll in einem Altenheim in Niedersachsen eine 87 Jahre alte Frau umgebracht haben.“
    Wirst du dich auch diesen Fall von Barbarei widmen?

    Grüße

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