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Borderline

Interview mit Maike Schollmeier, 29 Jahre alt, Borderlinerin etwa seit ihrem zwölften Lebensjahr

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(Auf dem Foto: Maike Schollmeier, Copyright: Florian Schmidt)

 

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung verdankt ihren Namen der Tatsache, dass man die Erkrankung nach psychoanalytischem Verständnis zwischen neurotischen und psychotischen Störungen ansiedelte (Borderline – Grenzlinie). Traumatische Erfahrungen, soziale Vernachlässigung wie auch genetische Faktoren gelten als verantwortlich für das Entstehen dieser psychiatrischen Erkrankung, die die Betroffenen mit massiven Ängsten, innerer Zerrissenheit, intensiven emotionalen Schwankungen, Spannungszuständen zurücklässt, die in vielen Fällen zu autoaggressivem, massiv selbstverletzendem Verhalten führen. Betroffen sind nach Schätzungen etwa 3% der Bevölkerung, junge Frauen wie auch Männer.

Weiterführende Informationen finden sich unter anderem hier.

Eine der Betroffenen ist Maike Schollmeier, 29 Jahre alt, diagnostiziert mit Borderline, Depressionen und einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung.

Susannah Winter: Es gilt als gesichert, dass ein Zusammenspiel zwischen genetischen Faktoren und in vielen Fällen frühe traumatische Erfahrungen für die Entstehung der Borderline-Störung verantwortlich sind. Über die Hälfte der Betroffenen berichtet von schwerwiegendem Missbrauch in der Kindheit, über 60% von emotionaler Vernachlässigung, fast alle aber über ein soziales Umfeld, in welchem sie sich in hohem Maße als fremd, gefährdet und gedemütigt erlebt haben. Auch du hast ja im Vorgespräch bereits angedeutet, dass die Erlebnisse mit deiner alkoholkranken Mutter und der kontrollsüchtigen Oma auslösende Faktoren für deine Erkrankung waren.  Kannst du ein wenig über frühe Kindheit, die Art der traumatischen Erlebnisse und die frühe Jugend mit Beginn der Erkrankung schildern? Wie war dein Leben vor, wie mit der Erkrankung. Was war die nachhaltigste Veränderung?

Maike Schollmeier: Zuallererst muss ich leider eingestehen, dass ich wenig Kindheitserinnerungen habe. Ich weiß, dass ich schon immer eher introvertiert und ruhig war. Ich habe immer versucht, es allen anderen recht zu machen, damit auch alle stolz auf mich sind. Nie hegte ich den Gedanken, auf mich und meine Handlungen selbst stolz sein zu können. Belohnungen in Form von sozialen Aufmerksamkeiten und Belobigungen waren für mich schon immer von anderen abhängig, ob die Umsetzung der Handlungen mir schwerfiel oder nicht, spielte dabei für mich nie eine Rolle.

Da meine Mutter meistens arbeiten war, verbrachte ich viel von meiner Freizeit mit meiner Oma und meinem Opa, wobei mein Opa immer der ruhige, verständnisvolle Part war und meine Oma die zurechtweisende und stets auf alles achtende, erziehende Stimme.

Sobald meine Mutter mal frei hatte, haben wir immer sehr viel unternommen, sie versuchte schon immer, es mir recht zu machen.

Doch die Abende, wenn sie dann betrunken war, waren immer sehr belastend für mich, schon als ich jünger war. Schließlich macht man sich als Kind ja dann auch Sorgen, ob mit der Mutter alles in Ordnung ist oder ob sie Hilfe braucht. Und jedes Mal, wenn man keine Hilfe geholt hat, weil man nicht wusste, an wen man sich wenden sollte, macht man sich riesige Vorwürfe, falsch gehandelt zu haben.

In der Schule wurde ich in den ersten Jahren kaum akzeptiert. Da ich so introvertiert war, wurde ich gerne gehänselt. Und wenn ich dann anfing zu weinen, fingen die Hänseleien erst richtig an. Das war sozusagen mein erster Teufelskreis, aus dem ich nicht alleine herauskam. Damit fing auch meine Methode der Vermeidung an, ich machte einfach einen riesigen Bogen um meine Mitschüler, um ja nicht ins Visier zu fallen.

Die Krankheit begann recht seltsam. Ich wachte auf und wusste nicht mehr, ob ich existent bin. Das war zum Ende der 6.Klasse, ein Schulwechsel stand kurz bevor und ich wurde von meiner Grundschullehrerin als zu sensibel für das Gymnasium eingestuft, obwohl ich die Noten dafür hatte.

Da ich aber unbedingt Abitur machen wollte, ging ich dann auf eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe.

Der Tag, an dem ich nicht mehr wusste, ob ich existent bin, war etwa am Anfang der 7. Klasse. Veränderungen habe ich noch nie wirklich gemocht, und rückbetrachtend war ich wohl einfach mit allen Änderungen überfordert, die ein Schulwechsel mit sich brachte.

Ich wusste nun also nicht mehr ob ich existiere, dachte, dass ich noch träumen würde und hatte eine tiefgehende Angst davor, dass irgendetwas nicht mit mir stimmt.

Ich wusste wieder einmal nicht, mit wem ich über so etwas sprechen könnte und wollte auch nicht meine Mutter mit reinziehen, schließlich hatte sie in meinen Augen selber genug Sorgen. Ich war mir sicher, meine Oma würde ich enttäuschen, also konnte ich auch mit ihr nicht reden.

Doch es ging nicht weg. Dieses Gefühl des Realitätsverlustes blieb und es wurde stärker.

Ich ignorierte es weiterhin.

Währenddessen hatte ich mich entschieden, auf der neuen Schule nach außen hin anders zu werden. Ich wollte selbstbewusst und cool wirken, unnahbar aber trotzdem respektiert von den anderen. Das kam auch sehr gut an. Ab der zweiten Hälfte der 7.Klasse wurde ich sogar seitdem als Klassensprecherin gewählt.

Susannah Winter: Du hast geschrieben, dass du den Krankheitsbeginn etwa im zwölften Lebensjahr ansetzen würdest.  Kannst du dein damaliges Krankheitsempfinden, -Erleben so genau wie möglich beschreiben? Borderline ist ja oft ein weites Feld, viele Ärzte tun sich mit der Diagnose schwer. Was würdest du für typisch für deinen persönlichen Krankheitsverlauf, für dein Krankheitserleben halten? Kannst du auch den Gedanken, das Gefühl, „nicht mehr existent zu sein“ noch näher ausführen?

Maike Schollmeier: Ich dachte damals, mein Leben sei nur so eine Art Wachtraum, ging dann aber weiterhin zur Schule. Das Äußern dieser Eigenwahrnehmung machte mir zu viel Angst. Diese Angst vor Zurückweisung existiert bei mir auf familiärer und sozialer Ebene. Dadurch habe ich ja versucht, jemand zu sein, der ich nicht bin, damit andere mit mir zufrieden sind. Dadurch habe ich heutzutage Schwierigkeiten zu definieren, wer ich bin und was mich ausmacht. Doch die Aufrechterhaltung dieses Äußerem mit den unterdrückten Gedanken der Nichtexistenz bauten sich im Inneren zu einer starken Anspannung auf. Letztendlich waren die Anspannung und der Stress so groß geworden, dass ich anfing, mich zu ritzen. Klar hätte es andere Wege gegeben, damit klarzukommen, angefangen damit, sich jemandem anzuvertrauen, aber nicht in meiner Welt.

Zu den Lehrern hatte ich nicht genug Vertrauen, meine Familie fiel eh durch oben genannte Kriterien aus und vor den Mitschülern wollte ich ja nicht mehr so zerbrechlich, aber vor allem nicht so „verrückt“ rüberkommen.

Also war der einzig für mich logische Weg, damit alleine zurechtzukommen, mich zu ritzen.

Natürlich nicht tief, nur so, dass ich das Blut fließen sah, damit war für mich bewiesen, dass ich existent bin und die Anspannung flachte erst mal ab.

Geschämt habe ich mich aber trotzdem dafür. Die Angst, dass meine Mutter oder Oma das mitbekommen und von mir enttäuscht sein könnten, war so groß, dass ich selbst kleinste Wunden abdeckte. In der Schule durfte auch niemand etwas sehen, meine Fassade durfte ja nicht bröckeln.

Erst später in der Oberstufe, als mir dann schlussendlich mein Leben immer mehr egal wurde, wurde mir auch egal, was die anderen von mir halten mögen und die Narben konnten andere dann auch sehen.

Mit Emotionen kann ich überhaupt nicht umgehen. Wenn jemand auf emotionaler Ebene versucht mit mir zu reden, wünsche ich mir insgeheim ein schwarzes Loch, durch das ich springen könnte. Aber komplett rational kann man die Welt leider auch nicht richtig betrachten. Des Weiteren fällt es mir schwer zu beschreiben, wie es mir genau geht. Ich habe große Probleme damit, genau zu differenzieren, welche Gefühle gerade bei mir die Oberhand haben, und wenn dann jemand danach fragt, steigt mein Stresslevel und ich versuche, aus der Situation zu schnell wie möglich zu entkommen.

Dissoziative Zustände kenne ich auch, sie traten aber erst später auf. Zwei hatte ich genau bis jetzt. Bei mir laufen sie wie ein Black Out ab: Am Morgen weiß ich dann nicht mehr, was passiert ist und habe irgendwo tiefe Wunden am Körper. Diese traten aber das letzte Mal vor fünf Jahren auf. Mittlerweile glaube ich, meine Spannungen vorher ganz gut regulieren zu können, bevor es wieder zu einem dissoziativen Zustand kommen kann.

Ziemlich starke Defizite habe ich beim Selbstbewusstsein, was wohl auch ganz typisch sein soll für meine „Diagnosen“. Ich weiß nicht, warum ich solche Defizite aufweise. Wahrscheinlich weil ich noch nichts „Richtiges“ in meinem Leben erreicht habe oder aus Angst davor, dass wenn ich Schwäche zeige, ich wieder zum Opfer von Hänseleien werde.

Susannah Winter: Das „Ritzen“, das du beschreibst, gilt ja als eines der Hauptmerkmale der Borderline-Erkrankung, nicht selten einhergehend mit anderen Formen des autoaggressiven Verhaltens. Viele Betroffene „ritzen“, um Schmerz und Anspannung abzubauen. Auch du hast schon geschrieben, dass du auch „ritzt“, um dich lebendiger zu fühlen. Hast du dafür feste Rituale? Wie läuft das ab? In welcher emotionalen Situation bist du normalerweise, wenn du an den Punkt kommst, dich selbst zu verletzen? Hast du dabei Schmerzempfinden? Kannst du das Gefühl beschreiben das du hast, wenn das „Ritzen“ vorbei ist?

Maike Schollmeier: Ritzen verwende ich meistens unterbewusst. Ein festes Ritual gibt es dafür nicht, lediglich Symptome im Vorfeld kann ich jetzt bei näherem Überlegen feststellen. In Unterhaltungen werde ich schneller ungehalten, kann meine Anspannung nicht mehr weiter unterdrücken, versuche mich so schnell wie möglich aus der Situation zu befreien und wenn es dann nicht mehr anders funktioniert, meine Anspannung zu regulieren, suche ich entweder mein Skalpell oder meine klassischen Rasierklingen und versuche, mich so oberflächlich wie nur möglich zu ritzen. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht, dann ritze ich so lange, bis ich mir eine Entspannung einbilde. Denn wenn man es sich mal eingesteht, reguliert Ritzen ja keinesfalls die Anspannung, sondern steigert ja das eigene Stresslevel. Man bildet sich nur ein zu entspannen, weil man es sich selbst antrainiert hat, so zu denken. In den Momenten, in denen ich mich ritze, bin ich manchmal in einem dissoziativen Zustand. Wenn ich dabei Gedanken hatte, wusste ich sie oft nach meinem Aufwachen nicht mehr, nicht mal mehr, dass oder warum ich mich geritzt hatte.

Auch wenn ich nicht dissoziativ bin, bin ich im Moment des Ausführens völlig gedankenfrei. Ich fühle mich leicht und richtig mit dem, was ich gerade tue. Auch danach war ich immer ruhig und habe anschließend die Wunde versorgt. Es ging mir danach immer gut. Ich habe lange Zeit nicht eingesehen, warum ritzen falsch sein soll, wenn es so ein gutes Gefühl in mir aktiviert. Da ich keine nehme, weiß ich gar nicht, ob man diesen Vergleich ziehen kann, aber ich glaube, dass Ritzen meine Droge war, um mich besser zu fühlen und allem Druck und allen Gedanken entkommen zu können.

Widerstreit gab es nie. Ich habe lediglich damit aufgehört, weil alle anderen es als schlimm empfanden. Dadurch entstanden dann die dissoziativen Momente, weil ich ohne fachliche Hilfe versuchte, mein für mich einziges Ventil für meinen Druck zu unterdrücken.

Susannah Winter: Was hältst du selber im Rückblick auf Kindheit und Jugend für einschneidend und prägend im Hinblick auf deine Erkrankung? Beschreibe deinen Werdegang in Kindergarten, Schule und Beruf.

Maike Schollmeier: Prägend fand ich die Behandlung meiner Mitschüler in der Grundschule. Beziehungsweise wurde ich davor auch schon gerne ausgenutzt. Wenn ich mein Pausenbrot abgab, mochte man mich, wenn ich bei den Hausaufgaben half, mochte man mich, wenn ich mir die Sorgen und Probleme anderer anhörte und versuchte, ihnen damit zu helfen, mochte man mich. Ich hatte nie den Eindruck, wegen meiner selbst gemocht zu werden. Es dauerte fast bis zum Abitur, als ich erkannte, dass es doch Menschen gibt, die mich einfach so mögen, auch mit meinen „Macken“.

In der Kur hatte ich einen Vortrag über Stressbewältigung, dort habe ich festgestellt, dass „Liebe durch Leistung“ auf mich absolut zutrifft.

Als ich sehr stolz war, mein Abitur doch noch geschafft zu haben, war meine Oma enttäuscht, als sie die Durchschnittsnote erfuhr. Ich kann nicht beschreiben, was danach in mir vorging. Es klingt dramatisch, aber nach ihrer Reaktion hätte ich mich gerne erschossen.

Beim Ehrenamt gehe ich davon aus, dass ich mehr gemocht werde, wenn ich helfe, egal ob ich dazu Lust habe oder nicht. Ich versuche, durch Leistung Anerkennung zu bekommen, weshalb mich die Tatsache, erwerbsunfähig geschrieben worden zu sein, so sehr ins Loch zieht, dass ich es kaum beschreiben kann. Ich fühle mich dadurch als minderwertig, zu nichts zu gebrauchen, nutzlos. Die Begründung, durch meine Erkrankung nicht arbeiten zu können, macht mich erst wirklich depressiv, der Gedankengang, ein Nichts zu sein und auch einfach sterben zu können, wird dadurch verstärkt, dass ich das Gefühl habe, von den Ämtern abgeschoben zu werden.

Seit 2013 versuche ich, eine Umschulung bzw. einen Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben für mich durchzuboxen.

Immer wieder wurde mir gesagt, dass ich zu labil wäre, weitere Behandlungen benötigen würde. Jedes Mal habe ich darauf gehört und bin zu Behandlungen gegangen. Doch auch danach wurde ich als zu labil zum Arbeiten eingestuft. Zurzeit muss ich Geld vom Sozialamt einfordern, Grundsicherung, mit 29. Wer danach noch Vertrauen zu sich selbst hätte, dem würde ich gerne einmal die Hand schütteln. Das bisschen Selbstvertrauen, das ich durch Behandlungen aufbauen konnte, ging gleichzeitig mit den Entscheidungen der Ämter wieder in die Brüche.

Susannah Winter: Die meisten physischen wie auch psychischen Erkrankungen haben Begleitsymptome und Nebenerkrankungen. Du hast schon von depressiven Episoden geschrieben. Kannst du die physischen und psychischen Begleiterscheinungen genauer ausführen? Welche gibt es?

Maike Schollmeier: Die depressiven Episoden sind von meinen Begleiterscheinungen noch fast die angenehmeren. Ich bin dann einfach platt, ausgelaugt und zu 100% davon überzeugt, dass ich nichts wert bin und mein Leben sowieso keinen Sinn mehr hat. Diese Phase dauert aber aktuell zum Glück nur höchstens eine Woche. Früher gingen diese Episoden deutlich länger, manchmal über Monate hinweg, damals war ich auch nicht in therapeutischer Behandlung.

Was mich wirklich einschränkt ist die, aus der Borderline-Störung entstandene, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. Aus Angst (meist unbegründeter), der sogenannte Worst-Case könnte eintreten, wenn ich so oder so handle, vermeide ich diese Handlung einfach ganz. Dass dadurch aber auch nie der Best-Case entstehen kann, ist das wirklich einschränkende an dieser Störung. Sie beginnt schon bei Arztterminen, zieht sich über alltägliche Dinge wie eine Verkäuferin fragen, ob mein gesuchtes Produkt noch da ist, über soziale Bereiche wie Feiern, zu denen ich eigentlich gerne gehen würde, aber vor den Gesprächen Angst habe, da ich ja in meinen Augen nichts zu einer guten Unterhaltung beitragen kann, und endet in beruflichen Bereichen, wo ich auch nie zu einer Aufgabe nein sagen würde, wenn es auch nur den Anschein haben könnte, dass dann jemand von mir enttäuscht sein könnte.

Susannah Winter: Wann gab es die erste Diagnose und durch wen? Gab es eingehendere Tests?  Wie sahen allgemein die ersten Behandlungsvorschläge aus und würdest du diese in Rückschau als „hilfreich“ und „vorbeugend“ einstufen?

Falls nicht: Was hättest du dir in Retrospektive von Ärzten oder deiner Familie gewünscht? Was wäre hilfreich gewesen?

Maike Schollmeier: Die erste Diagnose gab es 2010 durch einen Neurologen/Psychiater, welcher recht viele Medikamente an mir ausprobierte. Die Erfahrungen mit Medikamenten waren fast immer dieselben. Die meisten waren Sedativa, um mir den inneren Druck zu nehmen. Leider habe ich mich durch diese immer gefühlt wie unter einer Glocke, wie so ein Zombie, der einfach nur noch funktioniert.

Irgendwann sagte dieser Arzt, er sei wohl nicht der Richtige für mein Befinden.

Das hat mich damals ziemlich zurückgeschlagen, da ich endlich den Mut gefunden hatte, mich jemandem anzuvertrauen, der mich dann aber nach geraumer Zeit abwies.

Er wollte, dass ich ein stationäres Angebot wahrnehme. Ich stimmte zu und musste erleben, dass ich auch dort abgewiesen wurde als ich ehrlich zugab, einen dissoziativen Zustand gehabt und dadurch auch eine große Fleischwunde am Bein zu haben und sie ließen mich nach der Ablehnung alleine vom Wannsee aus bis Hellersdorf nach Hause fahren. Wer Berlin nicht kennt: Das sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln ca. 1,5 Stunden Fahrtweg.

Auf diesem Heimweg hatte ich erste ernsthafte Suizidgedanken. Der Gedanke, dass mich ja eh jeder ablehnt, selbst Fachärzte und ein Klinikum war zu viel für mich. Wenn ich nicht behandelbar bin, aber so nicht weiterleben will, schien ein Suizid der richtige Ausweg zu sein. Ganz logische Schlussfolgerung für mich damals. An jeder Ampel hatte ich Probleme, mich auf etwas Anderes zu konzentrieren als die Gedanken, wie schlimm es jetzt eigentlich wäre, wenn ich einfach vor ein Auto laufen würde. Ich konnte mich selbst nur mit dem Gedanken ablenken bzw. vom Suizidversuch abhalten, indem ich an den Autofahrer und die Folgen für ihn dachte.

Aber da ich zu Hause dann noch immer zu sehr in Suizidgedanken vertieft war und meine Angst fast sekündlich stieg wählte ich eine Nummer, die mir dann auch riet, in ein nahegelegenes Krankenhaus in die Notaufnahme zu gehen. Alleine. Also wieder losgehen, irgendwie durch den Verkehr schlagen und sich dort vorstellen. Alleine.

Das habe ich geschafft, wurde auch sofort auf die geschlossene Abteilung überwiesen und durfte dann nach ca. anderthalb Wochen auf die offene Station.

Dort bekam ich dann die Diagnose Borderline.

Rückblickend hätte ich mir gewünscht, dass man mich schon am Wannsee ernster genommen hätte. Ich würde heutzutage sogar so weit gehen, ihnen unterlassene Hilfeleistung zu unterstellen. In dem Krankenhaus möchte ich auch nie wieder behandelt werden. Das Angebot von anzusprechendem Personal sowie die angebliche Stabilisierung waren mehr als mangelhaft.

Susannah Winter: Wie sieht die Behandlung derzeit aus? Welche Medikamente erhältst du? Was hilft, falls etwas hilft? Wenn du dir hinsichtlich der Behandlung/Medikation etwas wünschen könntest, was wäre das? Erhältst du Therapien?

Maike Schollmeier: Zurzeit werde ich ambulant therapiert, eine sogenannte Verhaltenstherapie. Ich war auch bis vor kurzem zur Kur.

Die ambulante Therapie geht ganz gut bis auf meine Weigerung, die Diagnose anzuerkennen. Wer hört schon gerne, dass er Borderliner ist. Das wirft mehr Fragen als Antworten auf.

Medikamente nehme ich zurzeit keine, das klappt ganz gut. Vorher nahm ich Citalopram. Davon war ich sehr gut drauf. Sogar so gut, dass es Momente gab, an denen meine beste Freundin echte Zweifel hatte, ob ich das noch bin oder die Tabletten.

Susannah Winter: Welche Auswirkungen hat die Erkrankung auf soziales Miteinander? Lässt sich der Alltag alleine meistern? Wenn nicht, wer hilft? Gibt/gab es Beziehungen und Partnerschaften und wie gestalteten sich diese? Hast Du Familie? Hast du/planst du Kinder? Wie hoch würdest du deine Lebensqualität und –Möglichkeiten selber einschätzen? Und was würde zu mehr Lebensqualität beitragen, wenn du dir etwas wünschen könntest?

Maike Schollmeier: Auf das soziale Umfeld / Familie würde ich ungern eingehen. Das fällt mir immer noch schwer.

Meine Lebensqualität würde ich als normal einstufen, je nachdem, wie ich mitarbeite, mich um Hilfsangebote kümmere und immer weiter versuche, eine Art Umschulung zu erhalten.

Zurzeit ist die Lebensqualität nicht so hoch, aber ich hoffe, mithilfe der Kur neue Möglichkeiten zu erhalten, die Qualität zu erhöhen. Dort wurde festgestellt, dass ich durchaus arbeitsfähig bin, jedoch Hilfe für die Ausbildung benötige oder mithilfe einer Umschulung unterstützt werden muss. Man empfahl mir dort eine berufliche Rehabilitation. Daran arbeite ich gerade.

Susannah Winter:  Bist du via Internet oder sogar persönlich mit anderen Betroffenen vernetzt und hilft dir dieser Austausch, nimmt er vielleicht sogar eine besondere Stellung in deinem Leben ein?

Maike Schollmeier: Vernetzt direkt mit Borderlinern bin ich nicht, aber ich durfte viele tolle Menschen in der Tagesklinik kennenlernen, mit denen ich mich je nach Person mal öfter, mal weniger treffe und unterhalte. In der Kur mit jemandem ins Gespräch zu kommen, ist für mich schier unmöglich durch meine Schüchternheit oder Angst oder was auch immer das ist.

Die einzigen, mit denen ich mich langsam unterhalten kann, sind meine Tischnachbarn beim Essen, das sind auch die einzigen, die ich dreimal täglich sehe.

Susannah Winter: Bist du im Verlauf deiner Erkrankung von Familie, Freunden, Fremden, Ämtern, Ärzten diskriminiert oder nicht ernst genommen worden? Gab es Schwierigkeiten hinsichtlich der Finanzierung von Medikamenten? Der Bewilligung von Kuren oder Therapien? Begegnen dir Vorurteile? Wie sehen diese aus?

Maike Schollmeier: Eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Ich wurde immer sofort von jedem, sei es Familie, Freunde oder Ärzte, ernst genommen und Kuren oder Therapien wurden mir sofort bewilligt. Es wäre schön, genauso ernst genommen zu werden in Hinblick auf meine berufliche Zukunft.

Die meisten Vorurteile begegnen mir in Hinsicht auf meine Narben. Viele denken, dass das Jugendsünden wären, man sich selbst viel zu wichtig genommen hätte und damit mehr Aufmerksamkeit erhaschen wollte. Und jedes Mal, wenn ich damit konfrontiert werde, schüttelt es mich innerlich. Immerhin wollte ich nie Aufmerksamkeit damit auf mich ziehen, sonst hätte ich sie ja zur Schau gestellt. Ich habe immer penibel darauf geachtet, sie so gut wie möglich zu verstecken oder hatte Ausreden wie „Jaja, diese Katzen“ oder „Ich kann wohl kein Brot schneiden“. Also wirklich dumme Ausreden, aber für die meisten Momente waren sie ausreichend.

Susannah Winter: Was würdest du dir von Ärzten, der Gesellschaft, der Politik, aber auch von Familienmitgliedern, Freunden, Fremden im Umgang mit Deiner Erkrankung wünschen?

Maike Schollmeier: Ich würde mir von den Ämtern wünschen, dass sie mir mehr zutrauen würden und mir endlich eine Chance geben würden, über eine Umschulung oder einen Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben endlich eine Ausbildung zu erhalten, ansonsten bin ich hinsichtlich meiner Freunde und dem größten Teil meiner Familie wunschlos glücklich in Bezug auf deren Umgang mit meiner Erkrankung.

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(AUF DEM FOTO: MAIKE SCHOLLMEIER, COPYRIGHT: FLORIAN SCHMIDT)

 

Susannah Winter: Niemand kennt dich besser als du selbst. Was tust du für dich, um dich besser zu fühlen? Was hilft? Was schadet?

Maike Schollmeier: Ich bin noch dabei herauszufinden, was ich machen kann, damit es mir bessergeht, was nicht schädlich ist. Ich bin eine Art Künstlerin in Sachen Verdrängung, anhand von Nikotin, Alkohol, Schlafentzug, nicht über Probleme sprechen, halt alles anzuwenden, was einen auf kurz oder lang nur schadet statt zu helfen.

Wenn mir etwas zu viel wird versuche ich, aus der Situation zu kommen und mich abzulenken, entweder mit Spaziergängen, Musik oder auch einfach einem kurzen Nickerchen. Wobei ich bei Musik auch sehr darauf achten muss, was ich höre. Zu negative Musik kann meine Stimmung dann noch so sehr verschlechtern, dass es dann zu Ritzattacken oder Nervenzusammenbrüchen kommen kann.

Susannah Winter: Welche Tipps würdest du Menschen geben, die mit derselben Erkrankung zu kämpfen haben? Vielleicht auch Tipps für Eltern, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind betroffen ist? Wer hilft effektiv, wer ist der beste Ansprechpartner? Gibt es praktische Tipps die Menschen in ähnlicher Situation den Alltag erleichtern?

Wichtig auch: Wie sollen Eltern z.b. damit umgehen, wenn ihr Kind „ritzt“? Gerade für Außenstehende ist es oft schwerer zu ertragen, als für die Betroffenen selbst. Was hättest du dir gewünscht? Was ist kontraproduktiv?

Maike Schollmeier: Hm, Tipps zu geben ist sehr schwer, da jeder Borderliner auch anders tickt bzw. die Erkrankung anders ausgeprägt ist.

Mir hat es zum Beispiel überhaupt nichts gebracht, mit „Samthandschuhen“ angefasst zu werden. Ich brauche jedes Mal von meinem Umfeld auch mal einen Tritt in den Hintern, damit ich mich nicht wieder zurückziehe und alles schleifen lasse. Ich bin sehr schnell entrüstet, wenn bei den Ämtern wieder etwas nicht so klappt, wie ich es mir gewünscht hatte. In solchen Momenten könnte ich mich hinlegen und nie wieder aufstehen. Dann habe ich gleich wieder die Gedanken, noch nie etwas in meinem Leben erreicht zu haben und nicht lebenswert zu sein. In diesem Moment brauche ich ein freundschaftliches „Reiß dich zusammen und gucke, welche Möglichkeiten es noch gibt!“

Nach diesem Kriterium suche ich mir auch meine Ärzte aus. Nette Ärzte, die wissen, wovon sie reden aber am besten mit „Haaren auf den Zähnen“ 🙂 Also immer direkt und frei raus, wenn ich wieder mauere oder abdrifte im Gespräch 🙂

Einen Tipp aber hätte ich: Lernen, akzeptieren, entspannen. 😉

Was man beim Umgang mit einem Ritzer beachten sollte?

Ihn ernst nehmen. Sofort einen Arzt konsultieren und mit ihm gemeinsam einen Weg erarbeiten um nachzuvollziehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich hätte mir gewünscht, sofort medizinische Hilfe angeboten zu bekommen. Meine Oma war erst wütend, dann war sie „schwer enttäuscht“ von mir und hat es ab da ignoriert und meiner Mutter auch immer wieder eingeredet, dass wir deswegen nicht zum Arzt müssten. Wir hätten schließlich keine „Verrückten“ in der Familie.

Auch während meines Aufenthalts in der geschlossenen Klinik kam es zu einem Satz von meiner Oma, den ich wohl nie vergessen werde. „Maike, andere Frauen haben viel Schlimmeres durch als du. Du bist nicht krank, nur sensibel. Du musst lernen, mit allen Situationen des Lebens klarzukommen, ohne gleich die Familie mit deinen Sorgen zu belasten.“ Ich habe anfangs gar nicht darauf reagiert und tat dies als Generationenproblem ab.

Meiner Ärztin sind fast die Augen aus dem Gesicht gefallen, als ich ihr nach Nachfrage davon erzählte, da ich danach zwei Tage nicht gesprochen hatte und mich komplett zurückzog. Sie sprach ein Besuchsverbot für meine Oma aus.

Also kann ich aus eigenen Erfahrungen sagen, dass Ignoranz, „Enttäuscht sein“ und Vorwürfe mehr als kontraproduktiv sind.

Susannah Winter: Was weißt du heute, was du gerne schon in dem Alter gewusst hättest, als die Krankheit auftrat?

Maike Schollmeier: Ich hätte damals gerne schon gewusst, dass ich mich nicht verstellen muss, um andere von mir zu überzeugen, sondern einfach so sein soll, wie ich bin. Die richtigen Leute bleiben dann trotzdem.

Und dass ich nicht davon abhängig bin, wie andere mit meinen Entscheidungen umgehen, schließlich muss ich mich immer so entscheiden, wie ich es für richtig halte, auch wenn der Rest der Welt allein bei dem Gedanken mit den Augen rollen will.

Susannah Winter: Je mehr ich über die Erkrankungen anderer lese und schreibe, desto mehr fällt auf, dass diejenigen sich am besten „arrangieren“ können, die einen Weg finden, sich auszudrücken, zu artikulieren, sei es nun in künstlerischer Form, im Schreiben, Malen, Musizieren oder durch Handwerk, oft auch, indem sie anderen helfen (und damit sich selber). Hast du für dich einen Weg gefunden, Schmerz, Ängste, Zorn und vor allem natürlich auch die Anspannung in konstruktive Bahnen zu lenken und rauszulassen? Falls ja, wie? Falls nicht, wie gehst du mit diesen Emotionen um? Verstärken sie auch heute noch das autoaggressive Verhalten?

Maike Schollmeier: Früher habe ich meine Emotionskuddelmuddel mit malen, zeichnen und schreiben verarbeitet. Heutzutage habe ich viel zu hohe Ansprüche an das, was ich da produziere.

Das finde ich an sich sehr schade, da ich derzeit gar keine Idee habe, wie ich mit diesen negativen Emotionen umgehen soll.

Wenn sie noch nicht allzu stark sind, kann ich durch ehrenamtliche Tätigkeiten dagegen ansteuern. Manchmal hilft es und sie verschwinden dadurch, manchmal werden die Gefühle dann jedoch durch enttäuschende Erlebnisse verstärkt, so dass ich dann die Tätigkeit abbrechen muss.

Damit die Gefühle schon im Keim erstickt werden, wende ich recht viel Eigenironie, Sarkasmus und sehr gerne und oft Zynismus an, um es einfach lächerlich aussehen zu lassen.

Susannah Winter: Zuletzt ein sehr persönliches und sensibles Thema, zu dem du nichts sagen musst, wenn du nicht magst: Mehr als 60% der Betroffenen haben mindestens einen Suizidversuch verübt, was die Wichtigkeit einer Behandlung verdeutlicht. Du hast ja schon beschrieben, dass es Gedanken an Suizid gab. Gab es in deiner Vergangenheit auch tatsächliche Suizidversuche? Hätte man von außen helfen können? Wie gehst du heute damit um?

Maike Schollmeier: Suizidversuche direkt habe ich keine unternommen. Es gab lediglich die Gedanken daran. Am schlimmsten war es, wie bereits beschrieben, nach meinem ersten dissoziativem „Anfall“ und der Zurückweisung der Ärzte vom Klinikum am Wannsee.

Dort waren die Gedanken so stark, dass ich mich stärker als sonst auf den Verkehr konzentrieren musste und die Bahnfahrt die unangenehmste meines Lebens wurde.

Danach wurden Suizidgedanken für mich eine Art Beruhigungsmittel, so nach dem Motto: „Wenn gar nichts mehr geht, habe ich immerhin noch diese eine Wahl.“

Was jedoch sehr kontraproduktiv und erst recht nicht zu empfehlen ist!

Zurzeit bin ich in der Therapie dabei, diesen Gedanken mit anderen, positiven und lebensbejahenden Dingen zu füllen, damit der Gedanke nicht irgendwann in die Tat umgesetzt wird.

Susannah Winter:  Wenn du dir etwas wünschen könntest im Hinblick auf dein Leben, was wäre das?

Maike Schollmeier: Was ich mir für mein Leben wünsche?

Mehr innere Ausgeglichenheit und die Fähigkeit, meine guten Eigenschaften zu akzeptieren und bewusst anwenden zu können.

Einen Job, mit dem ich zufrieden bin und von dem ich eventuell leben kann (wer wünscht sich den nicht) und vor allem mehr Stabilität in meinem Leben, woran ja nur ich selber etwas ändern kann.

Susannah Winter: Meine Liebe, von Herzen vielen Dank für deine Offenheit und den Einblick in dein Leben und vor allem alles Gute für die Zukunft. Mögen sich deine Lebenswünsche erfüllen.

Maike Schollmeier: Vielen Dank für die Möglichkeit, mir mal die ganzen Sachen von der Seele schreiben zu können 🙂
 

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5 comments

  1. DasKleineTeilchen says:

    kommt mir mal wieder alles sehr bekannt vor (ausser dem ritzen und den blackouts).

    „Danach wurden Suizidgedanken für mich eine Art Beruhigungsmittel, so nach dem Motto: „Wenn gar nichts mehr geht, habe ich immerhin noch diese eine Wahl.“

    und den satz kann ich auch so unterschreiben.

    danke.

  2. Datura says:

    Hm, ja kommt mir auch alles sehr bekannt vor. Danke für das Interview!
    Was weiß man schon von den Leuten wenn die nicht von sich selbst aus reden.
    Ich hoffe es geht der Frau einmal besser!

    Und bei Ärzten und Ämtern darf man vorsichtig sein. Selbst die gut gewillten haben ihre starren Vorgaben zu erfüllen.

    Lg

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