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Sucht

Interview mit Jonas M. (Name auf Wunsch anonymisiert), in der Vergangenheit heroinabhängig, derzeit in einem Substitutionsprogramm und auf dem Weg aus der Sucht.

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(Fotoquelle: Pixabay)

 

Viele Wege führen in die Sucht. Gelegentlich ist es simpler Gruppenzwang, das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Manchmal auch einfach nur Neugier. Viel öfter jedoch steckt dahinter eine Lebensgeschichte, die den Drang, dem eigenen Leben entfliehen zu wollen, seelischer Schmerzen Herr zu werden, begünstigt und verstärkt. Physische und psychische Gewalt im Elternhaus kann ebenso Auslöser werden wie Eltern, die selber konsumieren. Sei es nun Alkohol oder andere Substanzen. Natürlich ist, neben den soziologischen Gründen, oft auch eine physische Prädisposition vorhanden.

Aus der Sucht führen hingegen weit weniger Wege und meist sind diese alleine zu gehen. Wer, oft nach einer langen Drogenkarriere, erstmal beim Heroin angelangt ist, für den gibt es nicht mehr allzu viele Alternativen. Nicht wenige sterben. Sei es an einer Überdosis, an gepanschten Drogen, an Hepatitis und anderen Erkrankungen, zugezogen durch schmutzige Nadeln. Einige schaffen den kalten Entzug, ein leidvoller Weg, doch einer, an dessen Ende ein Leben ohne Drogen stehen kann.

Ein dritter Weg ist das Substitutionsprogramm. Hier wird durch die regelmäßige Verabreichung von Opioiden, die im Gegensatz zum Heroin nur schmerzlindernd wirken, jedoch kein „High“ erzeugen, und deren Gabe nach und nach reduziert wird, der Abhängige so behutsam wie möglich aus seiner Sucht entwöhnt.

Diesen Weg geht gerade Jonas M., der nach langen Jahren der Abhängigkeit allmählich wieder in einem Leben ohne Drogen Fuß fasst.

SusannahWinter: Hallo Jonas. Vielen Dank für deine Bereitschaft, so offen mit mir zu sprechen. Gerade das Thema „Sucht“ ist ja mit gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden. Umso wichtiger, Betroffenen, Angehörigen von Betroffenen und Menschen, die zwar keine Berührungspunkte mit Drogen und Drogensucht hatten, möglicherweise aber Vorurteile pflegen, Einsichten in Beweggründe, Erleben und Konsequenzen zu ermöglichen.

Zu den Fragen: Drogensucht soll zwar in gewissem Maße auch erblich sein, zumindest soll es eine gewisse Prädisposition gegeben, steht als Krankheit jedoch so gut wie nie nur für sich, sondern braucht Auslöser, die oft in traumatischen Erlebnissen, Kindheitstraumata, Erfahrungen liegen. Oft beginnen auch Süchte, Alkoholismus, Drogenkonsum bereits im Jugendalter, bzw. bei jungen Erwachsenen, jedoch nicht zwangsläufig. Es kann auch nach Trennungen, Verlusten, schwierigen Lebensphasen zum Suchteinstieg kommen. Was würdest du heute als Ursache für deine Sucht ausmachen? Gibt es eine Vorgeschichte?

Jonas M.: Als ich zwölf war, meine beiden Brüder gerade zehn und elf, ließ meine Mutter sich von meinem gewalttätigen und alkoholkranken Vater scheiden. Von meinem Familienleben kann ich also nicht viel erzählen da ich nach meinem siebzehnten Lebensjahr fast keines mehr hatte. Ich wollte meiner alleinerziehenden Mutter nicht mehr zur Last fallen und zog mit siebzehn von zu Hause aus.

Susannah Winter Besteht die Sucht bei dir von Jugend an? Wenn nicht, wann hast du die ersten Erfahrungen mit Drogen gemacht? Was waren die Einstiegsdrogen und wie kam es dazu? Wie sahen deine ersten Drogenerfahrungen aus?

Jonas M.:  Ich habe mit 16 Jahren meine ersten Drogenerfahrungen gemacht. Das fing mit Alkohol und Tabak an und ging dann, aus Neugierde und auch Gruppenzwang, mit Haschisch und Marihuana weiter. Mit ca. 18 habe ich die ersten LSD- Trips (Lysergsäurediethylamid) geschmissen und teilweise sehr schöne „Reisen“ erlebt. Leider auch ein paar sogenannte „Horrortrips“, nicht selbst, aber durch Freunde, die es nicht vertragen haben und dann auch in der Psychiatrie landeten. Durch LSD und Psilocybin habe ich mein Unterbewusstsein wahrgenommen, wusste vorher nicht, dass es existiert. Eine tolle Erfahrung!

Ich wurde nie gezwungen Drogen zu nehmen, habe immer selbst entschieden, Erfahrungen zu machen. Ich wollte damals mit Freunden zusammen experimentieren.

Bereut Drogen zu konsumieren habe ich nicht. Im Gegenteil: Es hat mein Bewusstsein erweitert und ich möchte die Zeit und Erfahrung nicht missen. Ich rauche ca. seit 25 Jahren keinen Tabak mehr, nur noch zum Mischen mit Cannabis oder Marihuana.

Rückblickend war die anfängliche Ursache Drogen zu nehmen wohl meine unstillbare Neugier und später auch der Gruppenzwang. Ich wollte dazugehören und außerhalb der Gesellschaft stehen. Das Negative waren für mich nicht die Drogen, sondern die Tatsache, dass sie verboten waren.

Da ich Haschisch geschmuggelt und gedealt habe, wurde ich wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) § 29 ein paar Mal verurteilt und war auch ca.16 Monate in Haft.

Susannah Winter: Was bedeutete denn für dich „außerhalb der Gesellschaft“ zu stehen?

Jonas M.: Der Reiz außerhalb der Gesellschaft zu sein hatte etwas Abenteuerliches. Wir hassten die Spießer, wollten nicht so ein bürgerliches Leben. Lange Haare und Flickenjeans war unsere Uniform.

Susannah Winter: Hast du schon in den Zeiten, in denen du „nur“ gekifft hast das Gefühl gehabt, ohne Drogen nicht mehr auszukommen?

Jonas M.: Wenn ich mal nichts zu kiffen hatte, was ganz selten war, bekam ich schlechte Laune und wurde auch aggressiv, konnte dann schlecht schlafen und fühlte mich unwohl, manchmal griff ich auch zu Alkohol als Ersatz.

Susannah Winter: Hatten deine Brüder auch mit Drogen zu tun?

Jonas M.: Meine Brüder hatten auch ihre Drogenerfahrungen, blieben aber nicht lange genug dabei um süchtig zu werden. Heute besteht auch wieder Kontakt, deshalb weiß ich das. Sie haben ein normales Leben, wissen auch um meine Krankheit und helfen mir.

Susannah Winter: Du hast von „Horrortrips“ deiner Freunde und von der Erfahrung erzählt, einige von ihnen seien in der Psychiatrie gelandet. Hat das irgendetwas mit dir gemacht? Gab es dir zu denken?

Jonas M.: Ein Freund von mir ist leider auf einem Trip hängengeblieben. Wir wollten ihn am nächsten Tag nach unserer gemeinsamen Reise besuchen und trafen ihn in seiner Wohnung in der Küche auf einen Haufen Müll sitzend an. Er war total weggetreten, spritzte mit einer Wasserpistole auf die Steckdosen und meinte, da käme das Böse raus. Wir konnten ihn nicht mehr erreichen, er war immer noch voll drauf und kam nicht mehr klar. So mussten wir die Männer mit den Zwangsjacken holen. Es tat mir dann auch sehr leid für ihn. Wir haben ihn danach auch nicht wiedergesehen. Im Anschluss daran habe ich nie wieder LSD genommen. Ab da hatte ich natürlich einen riesen Respekt und auch Angst vor bewusstseinserweiternden Drogen.

Susannah Winter: Auch Sucht hat viele Gesichter, je nach Ausprägung und Konstitution des Betroffenen. Es gibt Menschen, die noch mitten in ihrer Sucht regulär arbeiten und „funktionieren“, andere entwickeln ganz neue Charakterzüge, rutschen ab, verlieren nicht selten Hab und Gut oder sogar Obdach. Wie sahen bei dir die Folgeerscheinungen aus? Welche physischen und psychischen Auswirkungen hatte der Konsum auf dich?

Jonas M.: Ich hatte eine Dreherlehre angefangen und nach drei Monaten abgebrochen. Grund war sicherlich meine Undiszipliniertheit zu der Zeit und mein unkontrollierter Haschischkonsum. Nach jahrelangem Konsum wirst du seelisch abhängig. Zuerst bekommst du es nicht mit, aber wenn du damit aufwachst und einschläfst spürst du, dass du abhängig bist.

Um meinen Konsum zu finanzieren habe ich damals nebenbei gedealt. Nach außen habe ich gearbeitet, nahm Gelegenheitsjobs an, arbeitete Schichten im Hafen, jobbte als Lagerarbeiter. Ich habe also regulär gearbeitet und funktioniert. Wenn ich jetzt im Nachhinein zurückblicke, gingen die Jahre im Alter von 18 – 32 schnell vorbei. Hatte irgendwie auch kein Ziel und keine Perspektive.              Nur die üblichen Träumereien. Zum Beispiel mal mit einem Bus nach Indien fahren. High sein, frei sein und Haschisch muss dabei sein!

Susannah Winter: Wie sah zu der Zeit dein soziales Umfeld aus?

Jonas M.: Meine Haschischsucht hatte damals keine Auswirkungen auf mein soziales Miteinander. Wir kifften alle und bei besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Sylvester nahmen wir auch mal Koks und Psilocybin. Der „spitzkegelige Kahlkopf“ wuchs auf den Kuhweiden und war, immer im Herbst, eine willkommene Abwechslung und Einnahmequelle. Zur damaligen Zeit dachte ich nicht so sehr über die Konsequenzen meines Drogenkonsums nach. Ich war mir nicht bewusst, dass es abhängig machen könnte. Ich kannte ja noch keine körperliche Abhängigkeit, dachte, ich hätte alles im Griff. In dieser Zeit sagten wir uns, dass wir niemals Heroin probieren und es auf keinen Fall spritzen würden. Feste Partnerschaften hatte ich auch, aber nie von langer Dauer. Ich wohnte, da war ich ca.25/26 Jahre alt, auf dem Land in verschiedenen Wohngemeinschaften. Rückblickend war dies meine schönste Zeit. Wir bauten unser Gemüse und Obst selbst an, hatten Tiere (Hühner, Schafe, Katzen, Hunde). Mitte der 80er, 30 Jahre alt, lernte ich meine große Liebe kennen. Wir zogen zusammen mit ihrer Freundin in eine große 5 Zimmer Villa mit 1200 qm Garten. Ich hatte zu der Zeit einen guten Job, sie war Krankenschwester und die Freundin Ergotherapeutin. Alles war in meinem Leben perfekt. Ich hatte eine Frau die mich liebte, ein Haus, ein Auto, einen Hund, Freunde, alles. Mit ihrer Familie verstand ich mich auch sehr gut.  Wurde zu Weihnachten, Geburtstagen und allen familiären Anlässen eingeladen.

Susannah Winter: Das klingt doch, nach so einer Lebensgeschichte, fast perfekt. Und dennoch hast du irgendwann zu Heroin gegriffen. Wie kam das?

Jonas M.: Ich lernte einen Typen aus Frankfurt kennen. Der machte eine Drogentherapie in einer Privatklinik in unserem Dorf. Er bat mich, ihn in die nächstgrößere Stadt zu fahren, um auf der Szene Heroin zu kaufen. Zuerst dachte ich mir nichts dabei, aber dann fuhren wir alle zwei Tage auf die Szene. Fast zwangsläufig probierte ich dann zum ersten Mal Heroin. Nach meiner erste Nase Heroin wurde mir ganz heiß und ich hatte starken Durst. Nachdem ich etwas getrunken hatte, musste ich auch sofort alles gleich wieder auskotzen, was mir aber nichts ausmachte. Das gehört dazu. Der Körper wehrte sich. Mir war damals gar nicht bewusst, was alles für mich auf dem Spiel stand. Ich bin ein guter Verdrängungskünstler, denke nicht lange über Konsequenzen nach. Mir ging es auch zu gut. Ich hatte ja alles: Arbeit, Geld, Auto, Haus, Freunde. Was sollte schon passieren auf dem Land? Dort gab es ja kein Heroin. Zuerst schnupfte ich nur an Wochenenden, später dann öfter, bis es regelmäßig jeden Tag wurde. Meinem Umfeld fiel es die ersten Wochen und Monate nicht auf. Dann kam der Tag, an dem meine Freundin mich beim Konsumieren auf der Toilette erwischte. Sie war Krankenschwester, arbeitete in der Psychiatrie und hatte jeden Tag mit Suchtkranken zu tun. Ab dem Zeitpunkt war das Vertrauen endgültig verloren. Sie versuchte mich zu retten, indem sie mich für eine Entgiftung und anschließende Therapie anmeldete. Ich brach dann zwei Entgiftungen ab und versuchte auch nicht ernsthaft aufzuhören, hatte Bammel vor dem Entzug, der mit Knochenschmerzen, nächtelanger Schlaflosigkeit, kaltem Schweiß, Durchfall einherging. Ich konnte meinen Alltag ja trotz Drogen ganz gut meistern. Auf der Arbeit konnte ich es irgendwie verbergen und verheimlichen. Nur meine engsten Kumpels wussten von meiner Heroinsucht und wollten auch probieren. So fingen auch meine Freunde an zu konsumieren. Wir dosierten uns immer höher und eines Tages fing einer in der Clique an zu injizieren. Ab dem Punkt lief es auch außer Kontrolle. Ich, der Angst vor Nadeln hatte, spritzte nun Heroin. Ich versuchte dann immer wieder meine Sucht vor meiner Freundin zu verleugnen, was natürlich zu totalem Vertrauensverlust führte. Ich log alle an und wollte mir zuerst auch nicht helfen lassen. Ich dachte wirklich, ich hätte alles im Griff. Doch es war genau umgekehrt. Die Droge hatte mich im Griff. Dann landete ich ein paar Mal im Krankenhaus. Einmal liefen mir bei einem Freund die Lippen blau an, ein anderes Mal fand man mich bewusstlos auf einem Spielplatz. Ich hatte viel Glück, was einige meiner damaligen Freunde nicht hatten. Sie starben an einer Überdosis. Natürlich war ich mir meiner Sucht bewusst, aber ein Heroinsüchtiger belügt sich selbst und sagt sich: „Heute nehme ich nochmal was, aber morgen höre ich auf“, was dann natürlich Entzug bedeutet. Alle Junkies oder Heroinkonsumenten haben tierische Angst vor dem Entzug. Meine Freundin hat um mich gekämpft und alles versucht, damit ich auf Entziehung und dann in Therapie gehe. Sie sagte: „Entweder Heroin oder ich!“ Ich wollte natürlich beides haben.

Habe dann ein paar Mal vergeblich versucht zu entgiften. Irgendwann machte meine Freundin dann mit mir Schluss. Mein sozialer Abstieg ging dann auch relativ schnell. Arbeit, Wohnung, Freunde – Alles verloren. Ich verkaufte mein Auto, meine Schallplattensammlung, Musikanlage. Alles was ich zu Geld machen konnte verkaufte ich, nur um meinen Heroinkonsum zu finanzieren. Ich landete dann schließlich völlig verwahrlost und desillusioniert in einer Notschlafstelle für obdachlose Junkies, lebte über zwei Jahre so auf der Straße. Dann hörte ich vom Substitutionsprogramm mit Methadon/Polamidon bei niedergelassenen Ärzten und begann mit der Substitutionstherapie.

Susannah Winter: Wie ging es dir damit, dass Freunde starben? Wie hast du das erlebt, wie davon erfahren? Warst du auf Beerdigungen? Wurde der Wunsch stärker, selber aufzuhören oder hast du das verdrängt? Hast du ab dem Zeitpunkt vermehrt gegen deine Sucht gekämpft oder eher mehr Drogen genommen um zu vergessen?

Jonas M.: Ich habe den Tod meiner Junkiefreunde einfach so hingenommen. Es hat mich nicht vom Konsumieren abgehalten. Auf Heroin bist du so sediert, dass dir alles egal ist. Natürlich war ich traurig und betroffen, wenn jemand starb, aber auf Beerdigungen war ich nicht oft. Manchmal hatte ich den Gedanken aufzuhören, aber nicht den Mut dazu, in die Entgiftung und anschließende Therapie zu gehen. Auch der langsame körperliche Verfall in Form von Abszessen, Zahnausfall, Mangelerscheinungen konnten mich nicht stoppen. Um immer wieder einen Kick zu kriegen, dosierte ich mich im Laufe der Zeit immer höher. Die Qualität der Droge damals war viel höher und reiner als heute. Ich brauchte also immer mehr und mehr um normal zu sein, hatte nur den nächsten Druck im Kopf. Alles andere war nebensächlich.

Susannah Winter: Was ging vor dem Entschluss auszusteigen in dir vor? Wie gestaltete sich das Leben auf der Straße? Wie bist du an Geld für Drogen gekommen?  Wie leicht oder schwer war es, überhaupt in das Programm aufgenommen zu werden von der Straße aus? Wer half damals? Gab es überhaupt Hilfe?

Jonas M.:  In den zwei Jahren der Obdachlosigkeit fühlte ich mich wirklich ausgestoßen. In meinem Personalausweis stand „ohne festen Wohnsitz“. Wenn mich die Polizei mal erwischte, hielten sie mich tagelang fest. Zum Glück gab es eine Teestube, in der ich mich tagsüber aufhalten konnte, eine Drogenhilfe mit Kleiderkammer, ein betreutes Wohnprojekt, in dem ich über sechs Monate ein Zimmer bewohnen konnte. Es wurde mir seitens der Sozialarbeiter/innen und Betreuer/innen Hilfe in Form von Vermittlung zur Entgiftung und Therapie angeboten, aber ich nahm diese Angebote nicht an. Wegen Beikonsums schickte mich mein Arzt mehrmals in die sogenannte Teilentgiftung, aber unter Zwang clean werden und eine Therapie machen ging bei mir nicht. Es muss freiwillig von dir selbst kommen. Meine damalige Therapeutin konnte mir dann eine eigene Wohnung vermitteln. Ein „normales“ Leben hielt mich aber nicht davon ab, weiter Drogen zu nehmen. Ich hatte keine Perspektive, keine Zukunft. nach ca. zwei Jahren in der Notschlafstelle war ich so krank und verwahrlost, dass mich die Sozialarbeiter in der Notübernachtung bei einem Substitutionsarzt anmeldeten und ich das erste Mal Methadon bekam. Das Leben auf der Straße war schrecklich. Ich brauchte ja jeden Tag mindestens 50 DM um klarzukommen. Damals war es einfacher, Geld zu machen. Ich finanzierte meine Sucht mit Ladendiebstahl, Einbrüchen, Dealen und kleineren Gelegenheitsarbeiten. Die Voraussetzung um in das Pola-/Methaprogramm zu kommen war damals nicht hoch. Du brauchtest nur zu sagen, dass du Heroin konsumierst (egal ob rauchen, drücken oder schnupfen) und eine Urinprobe zur Kontrolle abgeben und schon warst du dabei. Hilfe wurde schon angeboten, es gab eine sogenannte psychosoziale Betreuung bei der Drogenhilfe wo du einmal im Monat Rückmeldung geben musstest, wie es dir geht. Einmal alle sieben Tage wollte dich auch der Arzt sehen. Vergabe war jeden Tag, auch an Wochenenden, morgens von 8:00 – 8:30 und mittags von 12:00 bis 12:30. Urinkontrollen waren unangemeldet ca. drei Mal im Monat.  Ich wollte ja nach ein paar Monaten erst wieder raus aus dem Programm, aber du stabilisierst dich mit der Zeit und erholst dich körperlich. Die Ansteckungsgefahr mit HIV/HCV ist natürlich auch geringer. Erwähnen möchte ich noch, dass der THC-Konsum und Alkoholgebrauch nicht als Beigebrauch galt, also nicht sanktioniert wurde. Vor dem Polaprogramm nahm ich auch zeitweise Dihydrocodein, ein opiathaltiges Schmerz-und Hustenmittel ein,  um den Entzug zu lindern. Benzodiazepine und Barbiturate halfen auch. Ich war also mehrfach abhängig. Ein sogenannter Polytoxikomane.

Was mich in der Vergangenheit auch während der Entzugsprogramme depressiv, lustlos, antriebslos gemacht hat, war diese Perspektivlosigkeit. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, bis zum Lebensende Polamidon zu nehmen.

Susannah Winter: Du hast im Vorfeld einige Male erwähnt, dass du wegen Beschaffungskriminalität einige Zeit im Gefängnis gesessen hast. Da drängt sich mir die Frage auf, ob nicht schon damals Entzug und Therapie angeboten wurden, oder ob es dir möglich war, auch im Gefängnis weiterhin zu konsumieren.

Jonas M.: In Haft habe ich Entzugsangebote bekommen, musste aber erst drei Wochen warten und ein paar Hürden nehmen. Dazu gehörte, einen Antrag zu stellen, mit Ärzten und Sozialarbeitern reden. Auch Therapieangebote gab es. Trotz all dem gab es im Knast natürlich auch Drogen. Ich persönlich habe dort aber nur gekifft und keine harten Drogen konsumiert. Im Gefängnis bekam ich weiter Polamidon und versuchte nach ca.12 Monaten Haft eine Entgiftung mit anschließender Langzeittherapie nach § 35,36 des BtMG (Therapie statt Strafe). Die brach ich dann nach zwei Monaten ab. Nach drei Monaten auf der Flucht wurde ich wieder verhaftet und kam erneut in Haft. Nach Absitzen meiner zweijährigen Reststrafe wurde ich dann entlassen.

Ich war immer noch süchtig und bekam Polamidon. In Freiheit suchte ich mir wieder einen Substitutionsarzt und stabilisierte mich neu.

Meine Lebensqualität würde ich rückblickend als nicht so gut einschätzen. Mein Problem war, dass ich mich nicht frei fühlte. Durch die Substitution hatte ich immer einen Klotz am Bein. Konnte nie länger als zwei-drei Tage wegfahren, geschweige denn für Wochen in den Urlaub. Das hat mich dann richtig krankgemacht und ich bekam starke Depressionen. Ich ging über ein Jahr lang nur zum Arzt und anschließend gleich wieder nach Hause, hatte mich vollständig zurückgezogen und merkte nicht, wie sehr das Alleinsein depressiv machte. Über die hiesige Drogenberatung wurde mir dann eine ambulante Therapie vermittelt. Über zwei Jahre lang ging ich jede Woche einmal zu einem 45-minütigen Therapiegespräch. In dieser Zeit war ich ohne Beikonsum und hatte auch bald keine Depressionen mehr.

Rückblickend kann ich sagen das mir die ambulante Therapie sehr geholfen hat. Weit mehr, als die stationären Aufenthalte. Dazu beigetragen haben mein damaliger Hausarzt, der auch mein Substitutionsarzt war, und die Drogenberater/Sozialarbeiter der Drogenhilfe.

Bei einer Blutkontrolle wurde dann bei mir der HCV (Hepatitis C -Virus) entdeckt. Wo ich mich angesteckt habe, kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Vermutlich über eine verunreinigte Nadel.

Vor ca. fünf Jahren versuchte ich eine Interferon-Therapie, da bei einer Blutkontrolle sehr schlechte Werte, unter anderem eine hohe Viruslast von > 2,5 Millionen, diagnostiziert wurde. Nach zwei Monaten musste ich auf Anraten des behandelnden Arztes die Therapie abbrechen. Der Sauerstoffgehalt im Blut, das Hämoglobin, war zu niedrig und wurde, trotz wöchentlicher Transfusionen, lebensbedrohlich.

In all dieser Zeit haben mir die engsten Freunde beigestanden und geholfen. Zum Glück kenne ich nicht nur Junkies, sondern auch Menschen ohne Suchtproblem.

Da ich vor Jahren meine Freundin immer belogen hatte, wollte ich zu meiner Krankheit stehen und endlich ehrlich sein. Familie und engste Freunde wussten also von Anfang an vom meiner Sucht. Heute stehe ich zu meiner Drogensucht und engagiere mich seit 5 Jahren in der Drogenarbeit.

Susannah Winter: In welcher Form engagierst du dich und kannst du anderen Betroffenen Anlaufstellen empfehlen?

Jonas M.: Vor zwei Jahren habe ich mit neun Gleichgesinnten Drogengebrauchern den Selbsthilfeverein “akzeptierte Suchtarbeit“, kurz „ASA“, gegründet. Neun Drogengebraucher trafen sich so einmal die Woche, zwei Jahre lang, um einander zu helfen. Im Nachhinein war es für alle eine positive Erfahrung. Und da ich derjenige war, der alles organisierte, wählten sie mich zum Vorsitzenden. Das stärkte mein Selbstvertrauen und motivierte mich, mich vermehrt zu engagieren. Das Projekt scheiterte dann aber daran, dass wir keine Zuschüsse von der Stadt bekamen. Wir waren gemeinnützig und konnten Spenden sammeln, die letztendlich aber nicht ausreichten, weswegen ich als Vorsitzender den Verein wieder auflösen musste. Nun bin ich seit ca. einem Jahr Mitglied bei J.E.S. (Junkies, Ehemalige, Substituierte) und versuche, J.E.S.-Bremen zu gründen. Ich nehme auch an Seminaren und Fachtagungen teil.  Hilfe zur Selbsthilfe war für mich eine tolle Erfahrung. Da wir Süchtige in den Artikeln über Medien oft stigmatisiert, kriminalisiert und diskriminiert werden, hole ich mir meine Informationen auf diesen Seiten:

http://www.akzept.org/ , http://www.jes-bundesverband.de/ , http://schildower-kreis.de/

Um mich besser zu fühlen arbeite ich zudem ehrenamtlich zweimal die Woche für eine Straßenzeitung.

Susannah Winter: Was würdest du dir im Hinblick auf Politik und Gesellschaft in Bezug auf Suchterkrankungen wünschen?

Jonas M.: Ich würde mir von der Gesellschaft und von der Politik mehr Toleranz und unterstützende Gesundheitsprogramme für Drogensüchtige wünschen. Es kann nicht sein, dass ein Heroinsüchtiger der 10 oder 20 Jahre süchtig ist, für maximal drei bis vier Wochen in eine Entzugsklinik geht und dann auf eine höchstens sechs- bis achtmonatige Therapie geschickt wird. Entzug braucht Zeit.

Im Laufe der Jahre haben die Krankenkassen und Landesversicherungsanstalten immer mehr gekürzt und weniger Geld und Mittel bereitgestellt. Mitte der 90er Jahre konnte ich noch eine Langzeittherapie über 12 Monate mit anschließender sechsmonatiger Nachsorge beginnen. Heute ist dies so nicht mehr möglich.

Im Nachhinein kann ich für mich sagen, dass der Leidensdruck schon hoch war und ich endlich clean werden wollte, aber habe auch die Erfahrung gemacht, dass Zwang keine Hilfe ist. Im Gegenteil: Die Motivation, einen Entzug zu beginnen, muss freiwillig sein. Aber wer dann Hilfe sucht, dem muss auch ausreichend Hilfe zur Verfügung stehen.

Susannah Winter: Wie siehst du deine eigene Prognose, langfristig ohne Substitutionsmittel und ohne Drogen zu leben? Wie hoch ist der Suchtdruck heute?

Jonas M.: Ich merke den Suchtdruck manchmal noch, wenn ich alte Bekannte treffe die breit sind und mich dann zu einem Drogenkonsum, egal ob Heroin oder Kokain, überreden wollen. Zum Glück kann ich seit über drei Jahren „Nein!“ sagen. Das „Nein!“ schützt mich. Es war aber ein langer Weg, diesen Schutzmechanismus zu lernen.

Susannah Winter: Was ist an deinem Leben ohne Drogen anders? Was hat sich zum Positiven verändert? Kannst du anderen Tipps oder Ratschläge geben?

Jonas M.: Ratschläge im Umgang mit der eigenen Person kann ich wenig geben. Ich habe zum Glück seit etlichen Jahren wieder Kontakt zu meiner Mutter und ihr, nach Jahren der Funkstille, meine langjährige Drogensucht gebeichtet. Sie hatte nach meinem Therapieabbruch und anschließender Inhaftierung den Kontakt zu mir abgebrochen. Ein ehrlicher Umgang mit Familie und Freunden erleichtert den Ausstieg.

Um den Alltag zu meistern würde ich ein normales, soziales Umfeld empfehlen. Sinnvolle Beschäftigung und Ablenkung ist auch hilfreich.

Zu meinem Krankheitsbild möchte ich noch folgendes anmerken: Eine Therapeutin sagte mir mal bei einem Gespräch, ich sei eine „Suchtpersönlichkeit“ was bedeutet, dass ich keine Selbstkontrolle mehr hätte und der Drogenkonsum alles bestimmt. Das soll nichts entschuldigen. Nur erklären, dass es eben Menschen gibt, die eher zum Konsum neigen als andere.

Zum Ende noch ein Zustandsbericht: Ich bin vor ca. zwei Wochen von 1ml Polamidon auf 4mg Subutex (Buprenorphin) umgestiegen und im Sommer wage ich noch einen Versuch, ganz aufzuhören.

Susannah Winter: Ich denke, du kannst wirklich stolz auf dich sein, nach einer so langen Zeit der Abhängigkeiten den Weg in ein drogenfreies Leben zu lernen. Du hast es so weit geschafft, dann wird dir auch alles Weitere gelingen. Ich wünsche dir von ganzem Herzen viel Kraft und Durchhaltevermögen für die letzten Schritte des Entzugs.  Vielen Dank für dieses offene Interview. Ich bin mir sicher, dass es anderen Menschen in ähnlicher Lage Mut macht.

 

Anmerkung der Autorin: Wer aktuell mit Drogen oder der Drogenabhängigkeit eines Freundes/Verwandten/Partners zu kämpfen hat, der ist gut damit beraten, sich an eine Suchtberatungsstelle in seiner Nähe zu wenden. Diese ist grundsätzlich und immer kostenlos. Auch Suchtnotrufnummern und Telefonseelsorge sind in akuten Situationen eine erste Anlaufstelle. Telefonnnummern und weiterführende Links finden Sie u.a. hier:
http://www.kmdd.de/adressen-und-links-zur-sucht–und-drogenberatung-deutschland.htm
http://www.akzept.org/
http://www.jes-bundesverband.de/
http://schildower-kreis.de/

 

(FÜR DIE  BLOG-REIHE „REDEN WIR ÜBER…“ SUCHT DIE AUTORIN AUCH IN ZUKUNFT MENSCHEN, DIE ÜBER IHRE PHYSISCHE/PSYCHISCHE ERKRANKUNG IM KONTEXT GESELLSCHAFT/POLITIK/INKLUSION ABER AUCH ALLGEMEIN ÜBER IHR INDIVIDUELLES ERLEBEN BERICHTEN WOLLEN. KONTAKTDATEN UND NÄHERE INFORMATIONEN FINDEN SICH HIER.)

 

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