Zu einem Beitrag auf Fisch+Fleisch oder die Inflation der Menschenverachtung

Ich habe nun einige Tage mit mir gerungen, ob ich mich zu einem, auf F+F veröffentlichten, Beitrag äußern sollte.
Solche Widersprüche haben ja immer den unschönen Beigeschmack, dass der Ursprungspost mehr Aufmerksamkeit erhält, als ihm zustehen sollte.

Auf der anderen Seite ist die dort vertretene Haltung symptomatisch für viele westliche Länder dieser Tage, deren Rechtsruck sich nur noch schwer ignorieren lässt.
Der Beitrag nannte sich „Grundsicher(ung) zum Kotzen – die Inflation der Arbeit in Österreich…“, eingestellt von „Chaos“ und las sich dann auch, wie es schon die Überschrift versprach.https://www.fischundfleisch.com/blogs/politik.html?view=entry&id=6972 Undifferenziert und getränkt von Fäkalsprache, vielen Ausrufezeichen und vor allem einer Emotion, die man von Pegida bis hin zu anderen Menschen, die sich als die besseren Bürger verstehen, immer wieder vorfindet: Empörung.

Empörung über Ausbildungsprogramme für Menschen, die die Unverschämt hatten, schon länger als erwünscht arbeitslos zu sein. Wobei sich hier leicht einwenden ließe, dass eine Ausbildung doch ein Zeichen für guten Willen darstellt, einen Platz in der Arbeitswelt ergattern zu wollen und durchaus auch Arbeit ist.
So ergeht sich denn der Text in Empörung über alles, was der Schreibenden zufolge derart faulen Menschen nicht zukommen sollte:
„…Nun gibt es mittlerweile die Grundsicherung, die für Alleinerziehende 827,82 ausmacht. Das Kind bekommt zusätzlich noch etwas. Aber dem nicht genug, haben die „Armutsgefährdeten“ Anspruch auf Mietkostenzuschuss, kriegen das Schulbetreuungsgeld des Kindes ersetzt, sind rezeptgebührenbefreit, GIS-Gebühren-befreit und wenn der Winter kalt ist, gibt es sogar noch Heizkostenzuschuss….“

Armutsgefährdet gehört hier für die Blogerstellerin klar in Anführungszeichen, denn wer braucht schon Kindergeld, ein Dach über dem Kopf, Schulbetreuung und Medikamente wirklich dringend? Geschweige denn Heizung, wenn der Winter kalt ist?
Alles Kosten, die der Staat sich sparen sollte, ginge es nach Chaos.

Die wahre Motivation für die Empörung findet sich dann in der selbstmitleidigen Erklärung:

„Auch ich bin Alleinerzieherin, aber so dumm, dies nicht auszunützen. Ich Vollidiotin gehe zwanzig Stunden pro Woche arbeiten, damit mir trotz Studium WENIGER überbleibt als diesen „armutsgefährdeten“ Personen. Ich könnte mir nicht leisten zu rauchen. Meine Gesundheit fällt dem Stress zum Opfer, da ich mich hin- und her hetzen muss, nie ausschlafen kann und mir überlegen muss, wie ich den Alltag meistere. Dazu brauche ich ein Auto und eine Öffi-Jahreskarte. Mehrausgaben, aber mehr Stunden kann ich im Moment leider nicht arbeiten, da ich wenig familiäre Unterstützung habe.“

Nun spricht hier jemand, der selber nicht voll arbeitet, studiert, dennoch Kinder hat und für die eigene Haltung, den eigenen Lebensstil und die eigene, an Armut grenzende Situation, trotzdem viel Verständnis hat. Weil die eigenen Gründe mehr wiegen, als die der Anderen?
Wohl kaum.
Es ist eben leichter, Verständnis zu haben, wenn man mal eine Weile die Situation durchlebt hat. Leider verpassen Menschen, denen jede Empathie abhandengekommen ist, dies gerne mal:
Ihr Gegenüber mag auch Gründe haben, eine Lebenssituation, die das Idealbild vom Leben und Menschsein nicht erfüllen kann.

Ich habe auf meinem Blog und auch bei F+F nun schon mehrfach darauf hingewiesen, dass auch ich zu den bösen Armutsgefährdeten, die man hier den ganzen Text über in Klammern gesetzt sieht, darauf hinweisend, dass diese eigentlich nicht existieren.
Und ich habe mich über einen Folgesatz ganz besonders gefreut:
„Wir leben in einem Sozialstaat und es ist gut, dass wirklich arme Menschen nicht durch den Rost fallen. Das allerdings läuft in eine komplett falsche Richtung. Hier wird unkontrolliert Geld verschenkt.“

Nun ist dieser Text kein Paradebeispiel für konsequentes Denken, aber einen Versuch hätte die Blogerstellerin durchaus wagen dürfen.
Wer sind denn „wirklich arme Menschen“ und obliegt diese Entscheidung der Blogerstellerin? Wie kann Frau Chaos (Wie bedauerlich es doch immer ist, wenn im Internet nicht zumindest in manchen Foren Klarnamenpflicht gegeben ist) glauben, sie könnte hinter die Köpfe anderer Menschen schauen und tatsächlich beurteilen, wie dringend die von ihr gescholtene Mutter Geld braucht?
Hat Frau Chaos noch nie erlebt, dass man sich in der Gesellschaft nach außen nicht die Blöße geben möchte, als schwach, krank oder unfähig erlebt zu werden?
Kennt Frau Chaos als Mutter das Gefühl nicht, der Gesellschaft ein Funktionieren vortäuschen zu müssen an Stellen, an denen manche schon nicht mehr die Energie haben, noch tatsächlich zu funktionieren?
Und wie kommt Frau Chaos auf den absurden Gedanken, nachweislich faktisch nicht richtig, hier würde „unkontrolliert Geld verschenkt“?
Wer die Kontrollmechanismen des Staates erleben durfte, kann Anderes berichten.
Regelmäßige Kontoüberprüfung, regelmäßige amtsärztliche Termine, Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht, Aufhebung diverser anderer Rechte.
Man wird, so man auf Staatshilfe angewiesen ist, von vielen selbstverständlichen Bürgerrechten befreit, damit der Staat sicher gehen kann, dass man auch nicht einen Cent mehr hat, als man haben sollte, so man Gelder in Anspruch nimmt.

„Es handelt sich um kerngesunde Menschen, die arbeitsfähig, aber nicht willig sind“

Ihre Annahmen, die auf reiner Spekulation beruhen, überlassen Sie besser fähigem Personal.
Auch ich, seit Jahren an Depressionen, Angststörung, Essstörung und anderem erkrankt, hätte mir lange Jahre lieber ein Bein ausgerissen, als mir vor Menschen wie Ihnen die Blöße zu geben.
So Sie denn nicht hellsehen können, ersparen Sie uns doch bitte eine Meinung, der es an jeder fachlichen Basis mangelt.
Dass es Menschen gibt, die staatliche Möglichkeiten ausnutzen mögen heißt weder, dass Sie diese mühelos ausmachen können, noch sollten diese Grund dafür sein, Menschen in Not in Mithaftung zu nehmen.
Sie können sich also das Rauchen nicht leisten, liebe Chaos?
Ich könnte mir weder Rauchen noch ein Auto leisten.
Spielen wir nun „Derjenige, dem es schlechter geht, darf dem anderen die Existenzsicherung entziehen“?
Und könnten Sie vielleicht einmal versuchen, Ihre Gedanken konsequent zu Ende zu bringen?
Dies wäre hilfreicher als ein ausuferndes Maß an Ausrufezeichen und Empörung, die jedem Intellekt im Wege steht.
Was wäre die Konsequenz aus Ihren Forderungen?
Arme noch ärmer machen? Verhungern lassen? Mehr Suizide?
Warum trifft die Empörung von Menschen wie Ihnen immer die, die noch weniger haben als sie selbst?
Warum sind Sie nicht clever genug zu erkennen, dass Ihre Empörung die treffen sollte, die die Löhne in Grund und Boden gefahren haben?
Die, die Arbeit nicht angemessen vergüten, die Lohnspirale nach unten vorwärts treiben?
Wie viel Befriedigung müssen Menschen wie Sie aus der Tatsache ziehen, dass es anderen möglichst noch schlechter geht als ihnen selber, bevor Sie endlich bessere Bezahlung anstelle größerer Not fordern?
Glauben Sie ernsthaft, sie hätten mehr in der Tasche, wenn andere nichts mehr haben?
Und noch wichtiger: Glauben Sie, dass Ihr „Wohlstand“ dann tatsächlich abgesichert wäre, mit einer steigenden Anzahl an Armen, Obdachlosen?

Und nun zum letzten Punkt, der mir aber wichtiger ist, als der ganze inkonsequente, menschenverachtende und dauerempörte Text:

Der Beitrag endete mit einem, noch verstecktem, Aufruf zur Zwangsarbeit:

„Was denkt man –PolitikerIn- sich dabei? Es gibt so viel zu tun. So viele Aufgaben, denen gesunde Arbeitslose in der Zeit der Grundsicherung nachgehen könnten. Von der Altenbetreuung bis zur Stadtpflege. Es gäbe viele sinnvolle Tätigkeiten und viel zu lernen.
Vor allem aber sollte einmal das Grundlegendste gelehrt werden: Dass man für Geld etwas tun muss!“
Dass nicht jeder für Altenbetreuung geschaffen ist und selbst robuste, herzliche und wunderbare Altenpfleger nicht selten am Job zerbrechen sei hier nur am Rande erwähnt.

Was mich wirklich entsetzte war, dass sich dieser Aufruf konkretisierte, als die Kommentatorin „Titty“ schrieb:
„…ich bin für eine gerechtere Verteilung und Zwangsarbeit LangzeitArbeitslose (mit Ausnahme von kranken oder nicht vermittelbaren Menschen) ! Ein neues System aus Demokratie / Kommunismus muss her !“
Und Chaos ihr zustimmte:
„…Wo ich dir aber beipflichte, ist, dass jeder seinen Beitrag leisten sollte. Wenn ich nicht krank bin und Grundsicherung erhalte, ist es mir sicherlich möglich, eine gewisse Stundenanzahl pro Woche eine Tätigkeit zu verrichten, die dem allgemeinen Wohl dient.“
Auch schreckte Frau Chaos nicht davor zurück, Menschen als „Systemschmarotzer“ zu titulieren. Als ich ihr daraufhin „Sozialrassismus“ vorwarf, bekam ich die erheiternde Antwort: „”Sozialrassismus” klingt für mich doch recht radikal“. Wie schön, wenn radikales Gedankengut am Gegenüber erkannt wird.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber auch wenn ich mich wiederhole:

Einer “Meinung” jedoch sollte ein gesunder Meinungsbildungsprozess vorausgehen. Der basiert auf einer Kausalkette, die man notfalls erklären kann.
Dies möchte ich sogar noch weiterführen: Eine Meinung bedarf auch genug Verstand, um die sich aus der „Meinung“ ergebenden Konsequenzen benennen zu können.

Wer hier also Zwangsarbeit fordert, wer das Streichen der Existenzsicherung fordert, der muss fähig sein, die Konsequenzen zu benennen und abzunicken.
Mehr Suizide, mehr Obdachlose, mehr Angst, mehr Menschen, die sich Heizung und Elektrizität nicht leisten können.
Es ist das Ende des, nach dem zweiten Weltkrieg geschworenen „Nie wieder“ und des Humanismus‘, was hier gefordert wird.
Es ist die Forderung nach Zwang, Not, Barbarei, damit sich die vermeintlich „guten Bürger“, die hart arbeitenden Bürger, besser entlohnt fühlen können, anstatt tatsächlich für bessere Entlohnung zu kämpfen. Es kämpft sich gegen die Schwachen eben leichter, als gegen die eigenen Vorurteile oder gegen Menschen mit Macht, gegen den eigenen Chef, die Regierung, gegen Unrecht.
Nach unten treten, nach oben kriechen ist ein altes Partizipationsprinzip von Opportunisten.
Und mir sind Opportunisten schon immer widerlicher als jeder Arme es je sein könnte.

Also, liebe Chaos: Wenn Sie sich klar äußern würden, anstatt sich hinter „rechtschaffener Empörung“ zu verstecken, wenn Sie klar die Abschaffung von Menschenrechten zugunsten Ihrer Ideologie fordern, nur zu. Davor hätte ich mehr Respekt als vor menschenverachtenden Forderungen, die noch unter ein vorgeblich soziales Deckmäntelchen gepackt werden sollen. Und dagegen ließe sich nicht zuletzt auch konsequenter vorgehen, als gegen geheuchelte Sozialinteressen.

Der letzte Satz aber gilt der F+F Redaktion:
Ich habe die Einlassungen dazu gelesen, was hier unter Meinungsfreiheit verstanden wird und war bisher immer Einverstanden.
Wenn Sie aber eine Aufforderung zur Zwangsarbeit stehen lassen können, ohne sich daran groß zu stören, ist hier jeder falsch, der sich nicht völlig der Gleichgültigkeit ergeben hat. Dies gilt in gleichem Maße für Begriffe wie „Systemschmarotzer“ und ähnlich braunes Gedankengut.
Zwangsarbeit, Zwangssterilisation, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, dies alles hatten wir erst kürzlich und es ist allen Seiten schlecht bekommen.
Auch das beigefügte Bild, sei es nun von Ihnen eingestellt oder von Chaos selber, suggeriert schon den “wohligen Reichtum” in dem sich Arme angeblich baden und ist nicht minder ekelhaft.
Es handelt sich hier auch nicht um eine „Meinung“, sondern um eine Aufforderung zur Schädigung anderer, um Diffamierung und Sozialrassismus der übelsten Sorte und da hört der Spaß, zumindest für mich, auf. Wer die Abschaffung der Existenzsicherung fordert, fordert passive Tötung. Jemanden verhungern lassen ist unterlassene Hilfeleistung.
Wenn solch brauner Sumpf dann noch von jemandem kommt, der trotz Kindern und Teilzeitarbeit gerade noch das Privileg eines Studiums genießt, ist dies zwar ein wenig humoristisch angehaucht, jedoch nicht genug, um die Menschenverachtung zu kaschieren, der hier Raum gelassen wird.

 

(Veröffentlicht am 26.05.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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