Opferlamm

An diesem Wochenende feiern Christen das Osterfest, Kreuzigung und Auferstehung Christi.
Meines Erachtens ein guter Zeitpunkt, sich mit dem Hauptthema dieser Feierlichkeit, dem Märtyrertod und der Märtyrerverehrung auseinanderzusetzen.

Die Geschichte ist voll von Menschen, die für ihren Glauben, für Revolutionen, Kriege oder aber das Ende von Kriegen, ihr Leben gelassen haben.
Und wie gerne sehen wir zu denen auf, die allem Anschein nach mutiger waren als wir, tapferer und im Kampf gegen Unrecht erfolgreicher.

Die Geschichte der Opferrituale ist sogar noch älter und zieht sich durch beinahe alle Kulturen. Es wurden Ernte, Tiere und gelegentlich Menschen geopfert, um die Gunst der Götter zu erhalten.
Warum aber ist für unsere Gesellschaft, wie für so viele Gesellschaften zuvor, dafür das große Opfer, sein Leben zu geben, scheinbar so unabdingbar?
Und ließe sich mit einer anderen Haltung als der Todesverehrung nicht mehr erreichen, sachlicher und konstruktiver?

1972 ging ein Foto um die Welt und gewann den Pulitzer Preis. Es zeigte Phan Thị Kim Phúc, ein vietnamesisches, neunjähriges Mädchen, dass nach einem Napalm – Angriff schwer verletzt und nackt vor den Flammen floh.
Das Foto schürte den Protest gegen den Krieg und sorgte für breiten Widerstand in der Bevölkerung, so dass der Vietnamkrieg schließlich Anfang des Jahres 1973 beendet wurde.
Auch vor Kim Phúc gab es Tote und Verletzte, auch vorher waren Kinder umgekommen. Und doch brauchte die Welt ein Gesicht, um sich eine Vorstellung vom Leid vor Ort machen zu können.

Am 01.01.1959 floh Batista, machte in Kuba den Weg frei für Fidel Castro und krönte so die Bewegung des 26. Juli mit Erfolg für ihre revolutionären Umtriebe.
Und dennoch war der Hype um Kuba und die damalige Revolution nie größer, als in der Vervielfältigung und Verbreitung des Konterfeis Che Guevaras.
Selbstverständlich erst nach dessen Ermordung.
Die anschließende Realität, personifiziert in der Regierung Castros, erfuhr nicht einen Bruchteil der Verherrlichung. Sicherlich zu Recht.

Am 10.10.2014 wurde Malala Yousafzai der Friedensnobelpreis verliehen.
Bereits mit unglaublichen elf Jahren führte sie ein öffentliches Blog-Tagebuch und berichtete über die Gewalttaten der pakistanischen Taliban im Swat-Tal.
Breite Öffentlichkeit und angemessene Aufmerksamkeit erfuhr sie jedoch erst, nachdem sie beinahe gestorben wäre, nachdem einige Taliban aus nächster Nähe auf sie geschossen hatten. Sie überlebte schwerverletzt, hatte nun aber eine Bühne für ihr Anliegen.

Wir lieben, ja zelebrieren, die Geschichten von Jeanne D’Arc, Rosa Luxemburg, Martin Luther King.
Der Tod, oder wenigstens schlimmstes Leid, bereinigen die Verehrten von ihren weltlichen Makeln, von den Mängeln, denen wir gelegentlich so gerne entfliehen möchten.
Zurück bleiben welt- und realitätsentleerte Hüllen, Projektionen für Wunschvorstellungen jeder Art.

Dies gilt sogar für ganze Völker, so sie erst einmal von der Weltkarte verschwunden sind: Azteken, Inka, Indianer wurden so plötzlich zu potenziellen Heiligen, die eng mit der Natur verbunden waren und im Zweifel sogar das Ende der Welt prophezeien konnten. Völker ohne Makel.

Tote zum Zwecke der Verherrlichung dessen, was uns unvollkommen scheint.

Aus vergangenen, fehlbaren menschlichen Lebensweisen und Kulturen werden Utopien konstruiert, die nicht nur nachweislich den Fehler haben, dass sie der Idealisierung nicht standhalten können, sondern auch den, in der Vergangenheit zu liegen. So ersparen sie den Idealisten die Arbeit an einer besseren Zukunft auf realistischer Grundlage. Wer glaubt, früher sei alles besser gewesen, muss sich um morgen nicht mehr kümmern.

Und nicht auslassen darf man natürlich moderne Pop-Kultur, deren größte Stars zumeist die waren, die früh genug starben um dem Publikum schöne Leichen zu hinterlassen. Marilyn Monroe, James Dean, Elvis, Jim Morrison machten sich für ihre Fans „unsterblich“ – indem sie starben.

Das ist dem Bedürfnis nach Jesus als Märtyrer gar nicht so unähnlich, denn auch die Geschichte der Religionen hätte einen anderen Verlauf genommen, so er denn alt geworden wäre, eine Familie gegründet hätte, einfach nur an Krankheit verstorben wäre, oder (Gott bewahre) wie so viele Revolutionäre mit zunehmendem Alter die Revoluzzerlaufbahn an den Nagel gehängt hätte. Das römische Reich hatte noch ein paar hundert Jahre vor sich und ein gelingender Umsturz wäre kaum machbar gewesen.

Der breite Siegeszug der Botschaft war erst durch den Tod möglich. Nicht, weil es nicht auch anders gegangen wäre, sondern weil Mensch dieses Opfer geradezu einfordert.
Ein Tribut für seine Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Auch hier liegt in der religiösen Überhöhung eines Einzelnen und in der Fixierung auf die Vergangenheit die Gefahr,  vor lauter Idealisierung das Jetzt und die Machbarkeiten aus den Augen zu verlieren.

Die Idee, ein Mensch würde besser als er war, sobald er das zeitliche segnet, findet sich auch im gesellschaftlichen Konsens wieder, man solle möglichst nicht schlecht über Tote sprechen.

Die Überzeugung, Jesus sei unfehlbar gewesen, ohne menschliche Schwächen, lässt den Menschen glauben, sein Handeln sei nicht reproduzierbar. Diese Entmenschlichung schafft ein nicht zu erreichendes Ideal, an dem vermutlich Jesus selbst gescheitert wäre, hätte man es ihm vorgehalten.
Wir alle wissen um unsere eigenen Schwächen und halten es für anmaßend, uns mit den so überhöhten Männern und Frauen vergleichen zu können und zu wollen.
Das ist im Grunde kontraproduktiv, denn es rückt bestimmte Ideen und Machbarkeiten in weite Ferne und lässt uns mit Schuldgefühlen und einem Gefühl der Hilflosigkeit zurück.

Die Geschichte hat ihren Verlauf genommen, doch auch heute noch ist Widerstand gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeiten nötig.
Wenn wir erwarten, dass Revolutionäre zwangsläufig Heilige sein müssen, die möglichst gewaltfrei agieren, charismatische Reden schwingen und ohne Fehl und Tadel sind, dann nehmen wir uns heute die Chance auf Veränderung.
Wer auf einen neuen Messias wartet, der bitteschön umgehend Weltfrieden bringen möge vergisst, dass er es heute in der Hand hat, wie mit Unrecht umgegangen wird. Der vergisst auch, dass das Streben nach Frieden und besseren Lebensbedingungen ein langer Prozess ist und nicht vom Himmel gezaubert werden kann. Er bedarf der Anstrengungen und der Arbeit.

Das Christentum ist voll der Ideologie der Selbstaufopferung, Selbstkasteiung und Forderungen nach Demut und Verzicht.
Nicht zuletzt in der Idealisierung des ultimativen Lebensopfers liegt eben die Idee, das wahre Erlösung nur im Tode zu finden sei, wahre Reinheit, Vergebung der Sünden.
Eine zutiefst lebensfeindliche Haltung, denn zum Leben gehören die Fehler wie auch die Bemühungen und Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind.
Und darin liegt auch ein nicht geringes Maß an Selbstverachtung, denn wer ständig glauben muss, er selber sei „nicht gut genug“, ist auch niemals zufrieden.

Selbstverständlich gilt es, aufmerksam zu bleiben und nach mehr zu streben.
Mehr Bildung, mehr Erfahrung, vielleicht Weisheit oder Glück, das zu definieren jedem selber überlassen ist. Dennoch trägt das Gefühl, am Ende des Tages mit sich selber im Reinen zu sein, nicht unwesentlich zu einem guten Lebensgefühl bei.
Um mit sich im Reinen zu sein, muss man jedoch auch die eigenen Mängel als ein Teil des Ganzen akzeptieren.
Und auch der Maßstab, den man an andere legt leidet, wenn man ständig den Vergleich mit posthum von allen Sünden bereinigten Übermenschen zieht.

Nun war der biblische Jesus nicht bloß religiöse Leitfigur sondern auch ein Revolutionär gegen das damalige Gesellschaftsgefüge.
Wann immer jedoch heute Bilder von Demonstrationen in den Medien breitgetreten werden, die über bloßes friedliches Sit-in hinausgehen, wird ein Aufschrei der Empörung laut.
Und nicht selten wird dann neben Jesus auch der Gandhi-Mythos bemüht, ebenfalls ein idealisierter Friedensengel, dessen rassistische Umtriebe erst von Arundathi Roy einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Wahlweise gelegentlich sogar Martin Luther King, dessen Friedensbemühungen ohne die begleitenden Aufstände, die vorhergegangenen Toten, gar nicht erst möglich gewesen wären.

Das Leitbild des bedingungslos gewaltfreien Widerstandes verzichtet auf Realitäten und tiefere Einsichten. Eine der Realitäten ist, dass ein Mangel an Gegenwehr weitere Tote, länger andauerndes Unrecht zur Folge hat. Auch hier gilt wieder, man möge notfalls für Überzeugungen leiden und sterben, sich aber bitte nicht nennenswert zur Wehr setzen.
Warum sonst wird Selbstkasteiung und Selbstaufopferung als akzeptabler wahrgenommen als der Kampf für das eigene Wohl?

Unser kultureller Hintergrund spricht dem „Opfer bringen“ einen moralischen Mehrwert zu, während die gesunde Reaktion, für das eigene Wohl einstehen zu wollen, nur naserümpfend zur Kenntnis genommen wird.
Dabei heißt das noch lange nicht, dass Menschen, die Opfer werden, dafür auch in der Gesellschaft respektiert oder breite Unterstützung erfahren würden.
Unter Jugendlichen ist „Du Opfer“ eine häufige Beschimpfung und zeigt sehr deutlich, wie sehr Schwäche und Hilflosigkeit mit Verachtung gestraft werden, so man nicht öffentlich oder „für den guten Zweck“ leidet.

Der idealisierte Mensch ist ein Trugbild.

Diese Erkenntnis ist wichtig, um unsere Utopien und Abgötter zugunsten realistischer Moral– und Lebensvorstellungen aufzugeben.
Mit dieser Einsicht könnten wir uns auf das Heute und auf Machbarkeiten konzentrieren. Der Mensch, der Veränderungen anstrebt wäre ein Teil von uns, nicht außerhalb der Gesellschaft, darüber oder darunter. Er läge nicht in einer verfremdeten Vergangenheit oder einer utopischen Zukunft sondern im Hier und Jetzt.

Ebenso wichtig wäre ein Bewusstsein für die Macht der Bilder, das Prüfen der eigenen Manipulierbarkeit, um das Leid des Krieges nicht auf ausgewählte Personen und Abbildungen zu beschränken, da sonst das Leid, das ungesehen bleibt, auch nicht in Erwägung gezogen wird. Wie sehr gieren wir nach Opfern wenn wir Kriege beginnen oder beenden wegen eines Fotos, eines Opfers, eines Menschen, der für uns personifizieren muss, was wir sonst nicht sehen mögen.

Auch wird die Gefahr größer, nicht mehr zu erkennen, wann gezielt eingesetzte Bilder nur künstlich erregen sollen. Aber Propaganda soll hier nur angerissen werden und wird sicherlich in einem anderen Artikel noch gesondert behandelt.

Für mich persönlich bleibt als Fazit, dass in der Ikonisierung einzelner Menschen tatsächlich eine tiefe Menschenfeindlichkeit liegt. Der Mensch, der andere nur lieben und respektieren kann, wenn sie jeden menschlichen Fehler und Makel ablegen, verehrt nicht die vergötterte Person, sondern lediglich seine eigenen idealisierten Maßstäbe und verweigert, den Menschen als Ganzes zu betrachten und zu akzeptieren.

Es gälte, dem Leben mehr Beachtung zu schenken und mehr Wert beizumessen, als dem Tod

 

(Veröffentlicht am 05.04.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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Vielen Dank fürs Teilen

2 comments

  1. Guter Artikel. Ich denke, die Sehnsucht nach Märtyrern liegt einfach in der menschlichen Sehnsucht nach Unsterblichkeit und Perfektion begründet, Dinge, welche der Mensch in der Tat niemals bekommen wird, so sehr er sie auch begehre. Alles Irdische ist eitel, das wusste schon der gute Salomo. Nicht einmal Gott scheint perfekt zu sein, wie kann es da der Mensch sein?
    Wo ich allerdings widerspreche, ist, Jesus als bloßen Revolutionär zu bezeichnen. Er war zumindest kein Revolutionär im politischen Sinne, wie u.a. in Matthäus 22:21 nachzulesen ist: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist.“ Für mich ist Jesus in erster Linie ein jüdischer Gelehrter, der vieles predigte, von dem wir auch heute noch lernen können. Allerdings bin ich mir bewusst, dass es auch viele andere jüdische Gelehrte seiner Zeit gab, die ähnliches predigten. Aber nur über Jesus sind Legenden erzählt worden, welche ihn mit den Legenden der Jungfrauengeburt und Wiederauferstehung praktisch vergöttlichen. Das ist sicherlich kritisch zu sehen, hat aber immerhin den Vorteil, dass seine Botschaft auch unter Nichtjuden Verbreitung gefunden hat. Vielleicht würden ohne ihn noch heidnische Religionen in den meisten Orten der Welt dominieren, mit Menschenopfern und allem Drum und Dran. Nur eine Spekulation, ich weiß, aber wenn man sich die meisten menschlichen Gesellschaften auch in der heutigen Zeit anschaut – was du ja u.a. in diesem Artikel auch gut beschrieben hast – scheint sie mir doch legitim zu sein.

    • SusannahWinter says:

      „Vielleicht würden ohne ihn noch heidnische Religionen in den meisten Orten der Welt dominieren, mit Menschenopfern und allem Drum und Dran.“ Oder aber die Gesellschaften hätten einen konstruktiveren Weg genommen als Opferkult und Verbreitung des Christentums mit Gewalt. Da lässt sich leider nur spekulieren. Ich denke nur, wir sind heute weit genug, um die ganze Geschichte kritischer zu sehen, als dies in weiten Teilen getan wird 😉

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