Nicht mein Europa

Es ist noch gar nicht lange her, da lag sich das Land in gemeinsamer Trauer in den Armen, hatte es doch 150 Tote zu beklagen, 72 von ihnen deutscher Nationaliät.
Umgekommen waren diese bei einem, höchstwahrscheinlich absichtlich herbeigeführten, Flugzeugabsturz.
Wäre dies zu verhindern gewesen mit härteren Kontrollen und Berufsverboten für Depressive? Wohl kaum, aber der gemeine Politiker übt sich gerne in blindem Aktionismus wann immer er die Chance sieht, seine Umfragewerte zu steigern, ohne dass dies Geld oder viel Mühe kosten würde.
Dass ein Berufsverbot für psychisch Erkrankte nicht nur mehr Stigmatisierung mit sich brächte, sondern auch eine größere Anzahl Erkrankter, die im Zweifelsfalle nicht mit den Zuständigen Berufsärzten sprächen, eben aus Angst vor lebenslangem Berufsverbot, wird hier gerne und geflissentlich ignoriert. Der Bürger will Sicherheiten, die es nicht geben kann. Er bekommt Überregulierung, die niemandem nützt und nur der kurzfristigen Illusion von Handlungsfähigkeit dient.

Und doch: War es nicht ein rühriger Anblick? Eine ganze Nation scheinbar vereint in kollektiver Empathie.
Im Fernsehen wurde ein Humorverbot verhängt, das Land trug Trauer.
Es könnte einem ganz warm ums Herz werden…

Wäre da nicht erneut eine Vielzahl an Flüchtlingen, ersoffen an Europas Grenzen.
900 tote Schwarze alleine am letzten Sonntag, die aus Elend, Armut, Leid zu flüchten suchten.
Heute erneut die Meldung von Toten und knapp geretteten Menschen.
Es sind mittlerweile Tausende Tote, ertrunken vor der Festung Europa.

Empathie oder gar kollektive Trauer? Sicher nicht.
Lichterketten? Schweigeminuten? Der Aufruf zu mehr Sicherheit?

In Foren erging sich der Mob in Häme und Boshaftigkeit. Wo gestern noch deutsche Tote zu beklagen waren fand sich für die toten Flüchtlinge nur hier und da eine Stimme, die Vernunft und Menschlichkeit anmahnte.
Kommentare unter Artikeln zum Thema lauteten u.a.(Rechtschreibfehler sowie der Name der Postenden wurden absichtlich übernommen):

ich hoffe das noch mehr auf dem meeresgrund landen“ (Hartmut Braun)

„Affenfleisch ist ungesund das weiß auch der Stör und die Muräne, die bekommen jetzt 3 Tage lang davon Migräne!“ (Nick Bartel)

„Es gehen viel zu wenige boote unter!!!“ (Jessica Zwetschke)

„Ganz ehrlich? Warum bleiben die nicht dort? Sie kommen hier her und ehrliche gesagt hier ist es nicht besser..Denn wir haben schon mehr als genug obdachlose…Hat nichts damit zu tun das ich es nicht gut heiß aber aber wo sollen die noch hin?“ (Stefanie Uhlemann)

„Natürliche Auslese“ (Cathleen Hager)

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Chor der Menschenhasser, denen es an Empathie und Verständnis dafür fehlt, wie hart und grausam das Leben in Armut und Krieg sein kann.
Dass die Ertrunkenen durchaus wissen, dass sie unterwegs sterben können und trotz allem fliehen, in Hoffnung auf ein besseres Leben, stößt ebenso auf Unverständnis, wie die simple Tatsache, dass der reiche Westen durchaus nicht unschuldig ist an der Situation der Fliehenden.
Die einseitige Wohlstandsverteilung, Spekulation noch mit dem notwendigsten Gut, angezettelte Bürgerkriege, Waffenlieferungen.
Dies alles ist nur ein kleiner Teil der globalen Verkettungen.

Der hiesige Wohlstand ist nicht, wie so oft behauptet, der Tatsache geschuldet, dass Deutsche härter arbeiteten als die Bürger anderer Nationen.
Er ist unter anderem das Ergebnis jahrhundertelanger Kriegsführung, Kolonialherrschaft, Ausbeutung.
Simpler ausgedrückt kursierte es in den letzten Tagen immer öfter im Netz:

„Wer Armut exportiert, erntet Armuts- und Wirtschaftsflüchtlinge, wer Waffen exportiert erntet Kriegsflüchtlinge“

Wohlstand verpflichtet hieß es einmal in konservativen Kreisen, eben den Kreisen, die seit Jahrzehnten mit kurzen Unterbrechungen in diesem Lande Macht innehaben.
Dies gilt nicht nur für das Individuum, es gilt in gleichem Maße für ein reiches Kollektiv.
Und ja, wir sind noch immer ein reiches Land. Die Armut hierzulande, die wächst, wächst nicht aus Mangel an Wohlstand sondern aus Mangel an Verteilungsgerechtigkeit.

Dabei geht es bei der Aufforderung zur Rettung von Flüchtlingen nicht um die, angeblich naive, Vorstellung, allen müsse Wohlstand zuteilwerden, sondern um die simple Frage, welchen Wert wird dem Leben an sich beimessen.
Wenn der menschenverachtende Zynismus, der im Namen ökonomischer Ideologie als „Realismus“ verkauft wird, das Ersaufen potenzieller Mehrkosten in Form eines Menschen gebietet, kann und mag ich keinen Unterschied mehr sehen zu radikal Religiösen, die im Namen ihrer Religion töten oder sterben lassen. Der Gott Mammon ist mir nicht heiliger als alle anderen.

Dann mag ich auch keine Begründung mehr für moralischen Mehrwert erkennen, für den Anspruch, „Sozialstaat“ oder „Rechtsstaat“ zu sein. Der erste Artikel unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Er lautet nicht: „Die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar“. Die Kosten für das Retten von Menschen in Seenot sind tragbar und vor allem sind sie auch Ergebnis unserer eigenen Politik.

Die Toten auf dem Mittelmeer sind, im Gegensatz zu den Toten des Flugzeugabsturzes,verhinderbare Tote. Auch ein Grund, warum hier nicht in einhellig vorgeschobener Trauer Politiker in Scharen ihre Beileidsbekundungen loswerden und medienwirksam durch Trümmerteile, respektive Trauerveranstaltungen, laufen.
Kein CSUler, der Verbote oder Gebote fordert, die für mehr Rechte für Flüchtlinge werben.

Stattdessen werden vermehrt Stimmen laut, und wenig verwunderlich vor allem von Sigmar Gabriel und seiner SPD, die nicht mal mehr den Versuch unternehmen, den Anschein von Sozialdemokratie zu wahren, die fordern, man möge etwas gegen die Schlepper unternehmen.
Das klingt wohl zuerst mal logisch, gegen die Menschen vorzugehen, die noch Geld mit der Not anderer verdienen.
Was passiert aber, wenn die Schlepper verschwinden?

Nichts.

Die Not und das Elend bleiben.
Verschwinden würde einzig und allein die Tatsache, dass wir mit dem Elend konfrontiert werden.
Ein klassisch sozialdemokratischer Schachzug, wie Frau Nahles schon mit ihrer Debatte über Armut verriet: Man möge die Armutsgrenze einfach niedriger ansetzten, schon wäre die Frage der Armut geklärt. Denn: Arme Menschen gibt es nicht in diesem Land.
Zumindest nicht für Sozialdemokraten.
Bilder, Realitäten, Statistiken schönen, die übliche Reaktion.
Und ähnlich möchte man nun mit Flüchtlingen verkehren.

Anstatt die Wurzel des Problems zu benennen und zu beheben, die beileibe nicht nur in westlicher Politik liegt, aber eben auch dort, sollen nur die Symptome und Auswüchse beseitigt werden.
Auch „die Welt“ und andere Medien orientierten sich an dieser angeblichen Lösung, die die Probleme doch nur verschärfen würde.

Selbstverständlich nicht für uns, nicht für gute Deutsche, um die es zu trauern gilt, die Empathie verdienen und selbstverständlich Wohlstand als Geburtsrecht.
Für uns wäre es ein Segen, gemütlich vor der Tagesschau unser Abendessen zu uns zu nehmen, ohne von lästigen toten Flüchtlingen behelligt zu werden und uns beim nächsten Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall oder Attentat in einhelliger Empathie und Trauer um tote Deutsche in den Armen zu liegen.

Es ist ein vereintes Europa, das wir dieser Tage zu sehen bekommen.
Vereint in Bigotterie und Heuchelei, in Menschenverachtung und Entrechtung.

Dies ist nicht mein Europa.

 

(Veröffentlicht am 20.04.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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