Ich liebe den Kapitalismus

Nachdem diese Überschrift mir nun hoffentlich die gewünschte Leserschaft eingebracht hat (und mir die Hälfte meiner Facebookfreunde gerade die Freundschaft aufgekündigt haben oder an meinem Verstand zweifeln), muss ich mich wohl erklären, denn mit dem Kapitalismus verbindet mich bestenfalls ein eher ambivalentes Verhältnis.

Aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel, und wenn Sie, liebe Leser, die Sie auf einen Gesinnungsgenossen gehofft hatten, nun enttäuscht sein sollten, bitte ich um Verständnis.
Es war, so gebe ich hier offen zu, ein Marketingkniff, der Sie locken sollte, meinen Text zu lesen.

Denn genau darum soll es hier gehen:
Um Werbung, Marketing, PR und den schönen Schein.

Eine alte Werberegel lautet:
„Wer nicht wirbt, der stirbt“ und „So etwas wie schlechte PR gibt es nicht.“

Dies gilt mittlerweile für alle Bereiche unserer Gesellschaft.
Es gibt nichts, das nicht verkauft würde: Gesichter, Meinungen, Sport, Politik.
Marketing ist alles im Kapitalismus.
Bedarf wecken, notfalls da, wo keiner ist:

„Wäscht nicht sauber, sondern rein“
„Backen ist Liebe“
„Nichts ist unmöglich“

Das ewige Heilsversprechen von Glück, ewiger Jugend, grenzenloser Freiheit, hübsch verpackt in Werbeslogans, präsentiert auf öffentlichen Werbeflächen, im TV, Radio, auf Wahlkampfplakaten.
So man nicht als Eremit enden möchte, gibt es kein Entkommen vor der Werbeflut.

Dass die meisten Versprechen einer näheren Betrachtung kaum standhalten, ist nicht neu.
Ebenso wenig neu ist, dass der Großteil von uns dennoch darauf hereinfällt. Zumindest hin und wieder.
Nicht etwa aus reiner Dummheit, sondern weil die permanente Reizüberflutung, das Überangebot, nicht wenigen Menschen Entscheidungsschwierigkeiten bereitet, und natürlich, weil wir als Menschen darauf gepolt sind, auf bestimmte Reize zu reagieren.  Visuelle Reize ebenso wie Klänge, Gerüche, Haptik.

So sind unsere Sinne z.b. darauf ausgelegt, vermeintlich besonders schmackhafte und nahrhafte Lebensmittel von potenziell schlechten Nahrungsmitteln schon visuell zu unterscheiden.
Als Reaktion darauf färbt  die Lebensmittelindustrie unser Essen was das Zeug hält, um unsere Erwartungshaltung zu befriedigen, züchtet Äpfel in möglichst intensiven Rottönen und versucht mit allerlei Tricks, Obst und Gemüse länger frisch aussehen zu lassen.

Müsli soll knackig klingen, Motoren möglichst kraftvoll und männlich. Mogelpackungen, die an unsere menschlichen Instinkte appellieren.

Dass es „Negativwerbung“ nicht gibt, bezeugen „Analogkäse“, Schinkenimitate, Pferdefleisch in der Lasagne und andere, von der Industrie selbst erzeugte, Skandale, die die Ängste der Verbraucher befeuerten. Als klar wurde, dass die Politik der Industrie zuliebe auch weiterhin keine angemessene Kennzeichnung für Nahrungsmittel einführen würde, wurde hier von den Verantwortlichen, ganz kapitalismusgerecht, die selbstgeschaffene Marktlücke erkannt und sogleich mit Produkten befüllt.

Ganz getreu dem kapitalistischen Grundprinzip von „Angebot und Nachfrage“ war die breite Empörung Anlass für viele Konsumenten, möglichst gesünder essen zu wollen, die Sicherheit zu haben, möglichst „richtig“ zu essen, und so reagierte der Markt und schaffte einen neuen Trend:

Bio-Produkte und angeblich ökologisch nachhaltig produzierte Ware.
„Bio“ hat sich dieser Tage als Sinnbild für Gesundheit aber auch für Wohlstand etabliert.
Nicht zuletzt dank gut platzierter Werbung.

Wer Fleisch nur vom „Bio-Bauern“ kauft, Sojamilch trinkt, Elektroauto fährt, der fühlt sich vermeintlich wohler. Die Wahrheit, die sich hinter der, mit grünen Wiesen und gesunden Kühen beworbenen, Wohlfühl-Ökowelt versteckt, ist nicht selten geschmacklos.

Dass längst nicht überall Bio drin ist, wo Bio draufsteht sorgt zwar gelegentlich für Empörung, so es denn versehentlich an die Öffentlichkeit dringt und den schönen Schein der vermeintlich heilen Bio-Welt trübt, hat darüber hinaus aber keine Folgen.

Dabei sind z.b. die Skandale um Wiesenhof, ein Name, der Freiheit, Grün, altmodische Gutshöfe suggeriert, sicher nur die Spitze des Eisberges.

Die Produktion und der Umgang mit Lebensmitteln unterliegen, wie mittlerweile alles in dieser Gesellschaft, einer zwanghaften Ökonomisierung, die das Wohl der Käufer nur allzu schnell aus den Augen verliert, wenn die Rendite stimmt.

„Öko“ und „Bio“ sind dieser Tage Verkaufsgaranten, eine Marke, unabhängig davon, ob der Inhalt mit dem Versprochenen übereinstimmt. Zwar gibt es Prüfkriterien, die gab es aber auch für Nicht-Bio-Betriebe.

Dass auch Lobbyismus nichts anderes ist als Werbung für die eigenen Interessen und besonders lukrativ, so er denn verfängt, wird deutlich am Beispiel der „Dämmlüge“.
Dank schöngerechneter Zahlen und vollmundiger Versprechungen, beschlossen deutsche Politiker, Steuermilliarden zu investieren.
Und so wird gedämmt was das Zeug hält (mit mäßigem Effekt aber zum Wohle eines Industriezweiges und für das gute Gefühl, das vermeintlich „Richtige“ zu tun und Klimaschutz zu gewährleisten).
Phantastisches Marketing seitens des Fachverbandes Wärmedämm-Verbundsysteme e.V. und des BASF, einem der größten Dämmstoffhersteller Deutschlands, der die zugehörige Studie, inklusive der geschönten Zahlen, mitfinanziert hatte.

Schöner Schein und falsche Werbeversprechen, wohin das Auge reicht.

Da werden zum Wohle der beworbenen Sache schon mal Begriffe und Inhalte verändert und verzerrt, ganz im Sinne derer, die etwas zu verkaufen haben.

Dies gilt in nicht geringem Maße selbstverständlich auch für Politik, für Parteien und Politiker.

Das Wir entscheidet“ tönte die SPD im letzten Wahlkampf.
Auf wen genau sie das „Wir“ bezog, mit einem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, mochte nicht so recht klar werden. Auch Steinbrück selber, in der Vergangenheit eher Vertreter neoliberaler Ideen und Vertreter der Wirtschaftsderegulierung, wirkte wenig glaubwürdig.

Es war schon ein fast unerträgliches Maß an Offenheit und unverhohlenem Bruch mit ehemals sozialdemokratischen Werten, was die SPD hier präsentierte. Der Parteiname „SPD“ das einzige Überbleibsel der hiesigen Sozialdemokratie.

Ein Werbegag, sozusagen.

Ob die SPD sich beim nächsten Mal um mehr Ehrlichkeit oder aber um geschickteres Marketing bemühen wird, bleibt offen.
Klar ist jedoch geworden, dass Etikettenschwindel subtiler geschehen muss, um den Wähler zu überzeugen.

Die Meisterin der PR, Angela Merkel, hatte hier klar die Nase vorn.
Deutschlandkettchen und allgemeingültigen Plattitüden ohne viel Inhalt sei Dank.
An jemandem ohne Ecken und Kanten lässt sich schlecht stoßen.
Und die „Christ“- Demokraten halten es mit dem Christentum auch eher so, dass der vermeintliche Wert der christlichen Gesinnung nur dann taugt, wenn er nutzt.

So kann sich dann auch die Partei, die für ihre Regierungszeit massiven Subventionsabbau versprochen hatte, eine Minderung staatlicher Eingriffe, dies aber nicht halten konnte, schon mal „Liberal“ nennen, ohne dass dies zum gesunden Diskurs über Liberalismus einladen würde, der nötig wäre, so wie eben auch eine tatsächlich liberale Partei nötig wäre.
Die FDP jedenfalls hat mit ihrer Politik bewiesen, wie wenig der Parteiname mit der anschließenden Politik zu tun haben muss. Und wurde dafür abgestraft.

Rhetorisch geschult, wissen unsere Volksvertreter um die Macht der Worte und Gesten.
Und um die Macht der Wiederholung.

Ein gutes Beispiel sind hier unter anderem die, auch von der Tagesschau kritiklos weitergereichten, Arbeitslosenzahlen. Selbstverständlich gibt man als Quelle die „Agentur für Arbeit“ an, aber darf man von seriösen Journalisten nicht eigentlich mehr erwarten, als ungeprüfte Zahlenweitergabe?
Frührentner, Menschen, die in noch so unnötige Maßnahmen gesteckt werden, Kranke, 1-Euro-Jobber, werden einfach unter den Teppich gekehrt.

Das Ausland feiert Deutschland für diesen „Erfolg“, der nichts ist, als unverhohlene Schönung der Statistiken und -selbstverständlich- Marketing.

Dennoch wurde kein Politiker jemals müde, sich auf ebendiese Zahlen zu berufen, um den eigenen vermeintlichen Erfolg zu präsentieren. Dass nachweislich das Gesamtarbeitsvolumen kaum gestiegen ist und damit von einem Mehr an Arbeit keine Rede sein kann, bleibt im Dunklen. So schafft man sich durch ständige Wiederholung falscher Fakten eigene Wahrheiten.

Und so ist auch der Begriff „Kapitalismus“ an sich mehr Schein als Sein, so er denn auf den Ist-Zustand bezogen wird, und lebt von seiner Selbstvermarktung.
Ein buntes Werbekonzept, in das sich wunderbar Hoffnungen und Wünsche interpretieren lassen, die dieser Tage immer seltener erfüllt werden.

Dabei wäre Kapitalismus durchaus auch sozialer denkbar. Die Ursprungsversprechen des Kapitalismus waren nicht zuletzt Pluralismus, Demokratie, Freiheit, Wohlstand für alle (und damit den Versprechen der Sozialisten nicht unähnlich).
Nach der „Trickle Down“-Theorie sollte Wohlstand automatisch nach und nach in die unteren Schichten durchsickern. Dass diese Theorie mittlerweile als überholt gelten sollte, hält unsere Politiker nicht davon ab, im Namen dieses theoretischen Unsinns Deregulierung zu betreiben, anstatt das Eingeständnis zu wagen, dass die Realität sich dahingehend gestaltet, dass Reichtum sich an wenigen Punkten konzentriert und von dort nicht mehr in Umlauf gerät, u.a. einer zu geringen Besteuerung ruhenden Kapitals und einer nicht nachvollziehbar geringen Erbschaftssteuer sei Dank.

Der versprochene Pluralismus weicht gerade dem Zwang, möglichst auf globaler Ebene konkurrenzfähig zu sein. Und so subventioniert der Staat lieber bereits gewinnbringende Großindustrie oder sorgt zumindest für ansehnliche Rabatte und Steuererlässe wie unlängst die Befreiung von der Ökostromumlage für „stromintensive Unternehmen“. Diese Übervorteilung trifft vor allem die mittelständische Konkurrenz, die die explodierenden Stromkosten selber tragen muss. Das sind staatlich verschaffte Wettbewerbsvorteile, die nicht nur Anti-Kapitalistisch sind, sondern auch noch für einen Mangel an Wettbewerb sorgen und damit die Monopolisierung vorantreiben, die das Gegenteil von Vielfalt und Wohlstand bedeutet.

Die Konkurrenz kann nicht mehr mithalten im globalen Kampf um den Markt, der Mittelstand schrumpft.

Tatsächlich erleben wir gerade die Aufkündigung des kapitalistischen Gefüges, eine Entwicklung hin zu Refeudalisierung und Plutokratie. Vermehrt hält die Herrschaft der Wenigen über das Gros der Gesellschaft Einzug. Wer reich ist, bleibt reich, mehrt Macht und Einfluss. Und vor allem gibt er seinen Reichtum ausschließlich innerhalb der Familie weiter. Dank einer höheren Besteuerung für erarbeitetes als für ruhendes Kapital wird sich daran auch so schnell nichts ändern.

Noch haben wir Chancen, der derzeitigen Entwicklung gegenzusteuern, der Kurs ist keineswegs so „alternativlos“, wie er dargestellt wird.

Auch ein gesunder Kapitalismus kann im Namen des Leistungsprinzips Bildung fördern, für ein allgemein zugängliches Gesundheitssystem sorgen und einen Rechtsstaat offerieren, der allen Bürgern Zugang zu juristischem Beistand gewährt. Auch und gerade ein gesunder Kapitalismus darf Regeln festsetzen, in denen es ein „too big to fail“ nicht gibt. Auch ein gesunder Kapitalismus kann und darf Lohndumping verhindern. Auch ein gesunder Kapitalismus darf der Industrie klare Regeln aufbürden, wenn es um Transparenz geht, wie in der Lebensmittelindustrie oder sich um wirklich unabhängige Gutachten bemühen, bevor Milliarden ausgegeben werden, wie für Dämmstoffe geschehen.

Eine Gesellschaft, die Chancengleichheit und das Leistungsprinzip propagiert, muss nicht zwanghaft umverteilen, im Sinne von Enteignung, wie es Kommunismus und Sozialismus nicht selten fordern. Man könnte dem Individuum das Recht auf Gier und Geiz lassen, aber dafür Sorge tragen, dass nach dessen Tod ein Großteil des Geldes zurück in die Gesellschaft fließt. Das alles würde niemandes Freiheit einschränken und dennoch Zirkulation des Kapitals gewährleisten.

Um also auch hier an den Anfang zurückzukehren:

Ich liebe nicht den Kapitalismus, der ist.

Ich liebe den Kapitalismus, der vorstellbar ist.

 

(Veröffentlicht am 06.03.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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