Die Subjektivität der Ästhetik

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Beitrag von Claudia Braunstein, die regelmäßig auf Fisch&Fleisch bloggt, meist über ihre zurückliegende Krebserkrankung, und deren Einlassungen ich schon einige Male mit Interesse gelesen habe.
Diesmal jedoch ließ mich der Text ein wenig zornig zurück, ist er doch Ausdruck für so Vieles, das in dieser Gesellschaft aus dem Ruder läuft.

Der Titel des Beitrages fasst zugleich auch den Inhalt zusammen: „Einen postmenopausalen Körper sollte man nicht mehr in einen Bikini stecken“.

„Sollte“? Sagt wer?
Die Deutlichkeit, in der hier der vielbeschworene Freiheitsanspruch, den die westliche Welt für sich geltend macht, ad absurdum geführt wird, ist nicht zu überlesen.
Dies gilt in gleichem Maße für den, auf die eigenen Fahnen geschriebenen, Feminismus und die Dauerpredigt von Toleranz.
Ich finde man sollte sich dem alter entsprechend kleiden“ lautete dann auch der Kommentar einer anderen Dame.
Als hätte es den Kampf gegen das Modediktat für Frauen nie gegeben.
Als hätte jemand das Rad der Zeit zurückgedreht, den Kampf um Minirock, Bikini und eine selbstverständlichere Sexualität für Frauen wieder eingemottet, eingetauscht gegen Prüderie und Zwang.
Das so verherrlichte Körperbild ist, wie die meisten anderen Gesellschaftserscheinungen, wenig mehr als die Verkörperung der vermeintlichen Tugenden, die eine Gesellschaft zum Ideal erhebt. Unseres verdeutlicht recht unverblümt den gesellschaftlichen Konsens, Disziplin, Unterordnung, Perfektionismus und Kontrolle zu „verkörpern“. In der Verachtung, die dem Unwillen oder der Unfähigkeit sich zu fügen folgt, zeigt sich auch unser Umgang mit dem Scheitern an sich.
Der Leistungszwang hat seinen Weg gefunden, noch in die privatesten Räume des Menschen vorzudringen, denn privater als die persönliche Körperlichkeit ist kaum möglich.
Er nötigt wahnhaft zur Unterwerfung mit der permanenten Drohung, ein Scheitern könnte gesellschaftliche Ächtung mit sich bringen.
Unsere Gesellschaft mag dies an der Oberfläche Freiheit nennen, doch ist der Zwang nur ein wenig subtiler als z.b. die Forderung nach einem Kopftuch, nicht weniger dogmatisch, nicht weniger unfrei, nicht lebenswerter.

Wie alle jungen Mädchen war ich während der gesamten Pubertät aufs äußerste verunsichert, wenn es um meinen Körper ging.
Zudem hatte ich noch das Pech, die Bindegewebsschwäche meiner Mutter geerbt zu haben, so dass ich bereits mit zarten sechzehn Jahren die ersten Dellen an den Oberschenkeln entdeckte.
Ein Alter, in dem andere Mädchen noch Burger und Fast Food verschlangen und dennoch immer aussahen, als wären gesunde Ernährung und Sport eine Selbstverständlichkeit.
Und da ich dank Bravo und medialer Dauerberieselung dahingehend manipuliert war zu glauben, dass das zu erstrebende Körperideal der Frau von Supermodels wie Heidi Klum, Cindy Crawford, Naomi Campbell verkörpert wurde, versteckte ich schon in dem Alter meine Beine beim sommerlichen Gang zum See.
Ich trug aus Prinzip eine Radlerhose unter dem Badeanzug.
Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass das noch seltsamer aussah, als die beginnende Dellenbildung auf meinen Oberschenkeln. Aber die mediale Indoktrination funktionierte.
„Man“ zeigt sich nicht, so man denn nicht wenigstens mit aller Kraft versucht, dem Ideal zu entsprechen.
Ich lebte damit, nur selten ins Schwimmbad zu gehen, entwickelte eine Essstörung, die sich in permanenten Gewichtsschwankungen von bis zu 35kg rauf und wieder runter äußerte, wechselte die Hosengrößen von 36 bis hinauf zu 46 und zurück, hungerte bis zu zwei Wochen konsequent um dann wieder ins Fressen zu verfallen, kotzte mir zeitweise ebenso „freiwillig“ die Seele aus dem Leib.
Eine Frau lernt: „Wer schön sein will, muss leiden“.
Und so litt ich.
Ich weinte mich vor Hunger in den Schlaf, fraß dann wieder, hasste mich, hasste die Anderen, die mich nur „schön“ fanden, wenn ich litt wie ein Tier, dafür aber schlank war.
Das schönste Kompliment, das ich in dieser Zeit bekam, war wohl: „Mit ein paar Kilo mehr hast Du mir besser gefallen“. Ich habe erst lange Zeit später begriffen, wie viel mir dieser Satz bedeutete.
Mehr als all die Komplimente, die ich dafür bekam, zwanzig Kilo zu verlieren innerhalb kürzester Zeit, um dann auf High Heels stolz meine Runden zu drehen.
Stolz darauf, mich körperlich bis über die Schmerzgrenze hinaus, beinahe masochistisch, zu „disziplinieren“.
Selbstverständlich immer darauf bedacht, meine Beine zu bedecken. Kein Rock der nicht mindestens über die Knie reichte.
Cellulite mag man haben, aber man zeigt sie nicht.
Kein Gesetz. Ein Gesetz würde ja die Unfreiheit in Schrift und Wort fassen.
Eher eine gesellschaftliche Warnung an die, die ausscheren wollen aus der Körpernormierung, dem Jugendwahn, dem Schlankheitsdiktat.
Viele Erlebnisse hatte ich, als ich um die neunzig Kilo wog, die die funktionierende Diskriminierung der Menschen sichtbar machten, die sich tatsächlich die Freiheit nehmen anders zu sein, mal bewusst, mal aus Suchtgründen, aufgrund von Krankheit oder einfach nur aus seelischem Kummer.
Deutlicher wurde es, als ich als schlanke Frau meine damals beste Freundin, die um die 130kg wog, ins Schwimmbad begleitete und miterleben musste, wie ein ganzkörperbehaarter Mann sie mit Ekel betrachtete, als wir in den Whirlpool stiegen.
Als hätte nicht auch sein Anblick Ekel erzeugen können, so es ein Körperenthaarungsfetischist denn darauf angelegt hätte.
Die Scham und der Selbsthass meiner Freundin waren so groß, dass von illegalen Diätpillen über Bulimie und Abführmitteln alles legitim schien, um ja nur loszuwerden, was ihr diese unverdiente Verachtung einbrachte.
Eine Verachtung, die nicht nur gesellschaftlich goutiert und permanent verstärkt wird, sondern die Frauen von jungen Jahren an so massiv eingeimpft wird, dass sie bis zur äußersten Selbstverachtung gelebt wird.
Meine Freundin entschloss sich schließlich, ihr Gewicht mit Hilfe eines Magenbandes loszuwerden.
Sie war im Beruf und Alltag eine weitaus diszipliniertere Person als ich.
Der Panzer, den sie sich körperlich geschaffen hatte, und der ihre Seele schützen sollte, ließ sich aber nicht wegdisziplinieren. Der Intellekt vermag eine Menge, aber er kommt nicht gegen die unbewussten Vorgänge an, die uns befehlen uns zu schützen, auf die eine oder andere Weise. Wir haben unsere Emotionen, Traumata, Ängste nur bis zu einem bestimmten Punkt im Griff. Das ist es doch erst, was uns lebendig macht.
Menschen, die nicht betroffen sind, mögen nicht verstehen, dass dies nicht ausschließlich eine Frage der Vernunft oder Disziplin darstellt, sondern dass auch die emotionale Lage eine Rolle spielt und dass das Unterbewusstsein gelegentlich anderes von uns fordert als das, was unser Verstand für richtig hält.
Nicht selten hat die Seele gute Gründe für ihr Versteckspiel.
Das offenbart sich, wenn man mitansieht, wie Menschen in dieser und vielen anderen Situationen miteinander umgehen. Wer sich da kein „dickes Fell“ zulegt, verliert.
Ich kenne die Argumentationen zur Genüge: „Es ist doch auch nicht gesund“, „Wer sagt, dass er sich mit Übergewicht wohlfühlt, der lügt“, „Das ist einfach nicht ästhetisch“.
Nun, es ist sicherlich nicht gesund, seine Knochen und Gelenke mit Übergewicht zu belasten, den Cholesterinspiegel in die Höhe zu treiben.
Es ist jedoch noch ungesünder und kontraproduktiv, dafür noch geächtet, verlacht, ausgegrenzt und beschimpft zu werden. Und tatsächlich gibt es Frauen, die sich mit ihrem fülligeren Gewicht im Einklang fühlen und mehr Respekt fordern. Zu Recht.
Wären wir tatsächlich eine Gesellschaft des Pluralismus, der Freiheit und Toleranz, dies müsste gar nicht erst erwähnt werden. Woher will ich denn wissen, ob mein Gegenüber lügt, wenn er mir erzählt, er sei mit sich im Reinen? Es lügt wohl eher, wer eine allgemeingültige Wahrheit erkannt haben will. Und Falten, das Alter an sich?
Wir werden immer älter, wollen unser Leben verlängern. Wozu aber achtzig Jahre alt werden, wenn es in dem Alter plötzlich wieder einer Erlaubnis bedarf, sexuell aktiv zu sein, seinen Körper auch nackt oder im Bikini zu genießen. Wo es doch gerade Frauen sind, die oft erst im Alter entspannte Sexualität genießen können. Keine Angst mehr vor Schwangerschaften, keine Monatsblutung. Es könnte so schön sein, wäre da nicht eine Gesellschaft, die gerade diesen Frauen die Freiheit und Entspannung abspricht, ihnen Schönheit und Leben abspricht, Sinnlichkeit und Lust.

Und nun zur Ästhetik:

Ich war von klein auf ein vorrangig akustisch geprägter Mensch. Visuelle Reize spielen bei mir eine untergeordnete Rolle.
Das heißt, ich nehme die Welt vor allem mit den Ohren wahr, bin überaus lärmempfindlich, dafür aber auch hochsensibel und sinnlich, wenn es um Musik geht, um die Stimmen meiner Mitmenschen.
Auf dieser Basis hat sich auch meine Sprachvorliebe entwickelt.
Auch hat sich im Laufe der Jahre, neben sprachästhetischen Mindestansprüchen an mögliche Partner und andere Wegbegleiter, eine sapiosexuelle Orientierung ausgeprägt.
So treibt es mir die Zornesröte ins Gesicht, wenn Diskutanten, die andere nach ihrem ästhetischen Empfinden normieren wollen wie es auf Facebook unter Claudia Braunsteins Beitrag der Fall war, sprachlich keinen gelungen Satz herausbekommen.
Und ich frage mich: Warum sollten Cellulite, Fettleibigkeit, Falten und damit verbunden auch hängende Brüste, Glatzköpfigkeit und jede andere Form der Normabweichung mit mehr gesellschaftlicher Verachtung gestraft werden, als das offene Zurschaustellen dieser Form mangelnder (Sprach)-Ästhetik?
Der einzige Grund dafür ist, dass das Gros der Gesellschaft visuell geprägt ist und sich zudem durch Medien und permanentem Bedürfnis nach Selbst“optimierung“ diesem dogmatischen Körperbild unterworfen hat.
Selbstverständlich vornehmlich Frauen, die immer noch glauben, gefällig sein zu müssen und „Schönheit“, in der gesellschaftsdefinierten Norm, für verpflichtend halten.
Aber Schönheit ist nicht reduziert auf straffe Haut, auf schlanke Silhouette, lange Haare, cellulitefreie Oberschenkel. Sie ist auch Authentizität, schöner Klang, schöne Bewegung, Berührung, Geruch.
Sie liegt in der Vorliebe des Betrachters und ist vollkommen subjektiv.
Ein Mensch, der die Welt vor allem geruchsorientiert wahrnimmt wird von Menschen ein anderes Bild haben, als einer, der sich visuell stimulieren lässt.
Das Gesinnungs- und Meinungsdiktat der Mehrheit, das sich hier einmal mehr in Verachtung für das Individuum äußert, verlässt sich lieber darauf, dass das Recht auf Ausgrenzung gesellschaftlich unüblichen Verhaltens allein darin seine Rechtfertigung findet, dass ja jeder den eigenen ästhetischen Anspruch teilen müsse.
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle einmal mitteilen, wie ich den Umgang mit meinen ästhetischen Ansprüchen innerhalb dieser Gesellschaft erlebe:
Lärm an jeder Ecke, das Recht auf Lärm im Wohnraum, Dauerberieselung von „Musik“, selbstverständlich auch hier dem Einheitsbrei des Massengeschmacks geopfert, in Supermärkten, Fitnessstudios, in Bus und Bahn durch die Kopfhörer vom Sitznachbarn. Keine Räume für Stille, für die Ästhetik natürlicher Geräusche.
Die schönsten Klänge sind dabei für mich wohl Wind, der durch die Bäume geht und Blätterrascheln, fließendes Wasser, Katzenschnurren.
Ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben eines akustischen Ästheten, der nicht das fragwürdige „Glück“ hat, seinen Sitznachbarn wüst beschimpfen zu dürfen ob seines schlechten Musikgeschmacks oder gleich der gesamten Gesellschaft das Lärmen zu verbieten.
Offenes Zurschaustellen hässlicher Geräusche, verbaler wie technischer Natur, gehört ebenso zur Gesellschaftsnorm, wie die Ächtung von Fettleibigkeit und Alter.
Schlimmer bestellt ist es wohl nur um den Mangel an ästhetischem Anspruch hinsichtlich der Intelligenz.
Wann haben Sie das letzte Mal Werbung der Sorte „Machen Sie sich intellektuell fit für den Sommer in nur acht Wochen“ auf Magazinen gelesen oder eine Fernsehwerbung bemerkt, die Ihnen tiefgreifende Lebenseinsichten in Pulverform versprach?
Dies mag überheblich klingen, doch sollten Sie mir nicht glauben fordere ich Sie auf, sich die Kommentarspalten unter BILD und Krone, unter RTL-Beiträgen und ähnlichen Meldungen in Internetforen anzusehen und dann zu wagen, mir zu widersprechen.
Und so krümmten sich mir, ob der Beleidigung meiner persönlichen ästhetischen Befindlichkeiten, die Fußnägel bei dem Satz: „Ich finde man sollte sich dem alter entsprechend kleiden“, der unbedacht unter den, auf Facebook verlinkten, Artikel von Claudia Braunstein geschrieben worden war. Meine, zugegebenermaßen etwas bissige, Antwort war: „Ich finde, man sollte sich seinem Intellekt entsprechend äußern.“
Nicht viel freundlicher, aber ich wollte die Geringschätzung der Ausgangsaussage auf die Spitze treiben.
Ich will hier verdeutlichen, auf welche zwei Arten man die Mitmenschen und ihr „Äußeres“ betrachten kann:
Für mich gibt es zwei Lesarten für obigen Satz. Als Sprachästhet kann ich die Dinge lesen und mich vor allem darauf konzentrieren zu sehen, was fehlt und damit auch den Schreiber als „fehlerhaft“ einstufen. Das fehlende Komma, die nicht vorhandene Großschreibung. Oder ich kann mich entschließen, mich auf den Inhalt zu konzentrieren. Zugegebenermaßen ist hier, zumindest für mein Empfinden, beidem nicht viel abzugewinnen, aber vielleicht verstehen Sie, worauf ich hinauswill.
Sie fühlen sich ästhetisch nicht vom Äußeren eines Mitmenschen angesprochen? Fein. Das müssen Sie auch nicht. Wir können naturgemäß sowieso nur mit einem geringen Prozentsatz der Gesellschaft sexuell verkehren. Diesen Partner können wir hemmungslos nach unserem subjektiven Ästhetikempfinden wählen. Alle anderen müssen nicht uns gefallen, sondern ihren potenziellen Partnern. Und wenn Sie wüssten, wie viele Männer heimlich ihre Vorliebe für füllige oder alte Damen ausleben, immer im Verborgenen, um nicht ebenfalls der gesellschaftlichen Ächtung anheim zu fallen, Sie würden vermutlich Ihren Augen und Ohren nicht trauen. In dem alten Spruch „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ liegt mehr Wahres, als die meisten vermuten würden.
Sie haben Ihre Präferenzen, vermutlich geprägt lange bevor Sie überhaupt wussten, was Präferenzen sind. Aber Ihre Mitmenschen müssen diese nicht teilen. Und schon gar nicht müssen sie sich ihnen unterwerfen bis hin zur verpflichtenden Zwangsbedeckung des eigenen Körpers (immer vorausgesetzt, es handelt sich nicht um sexuelle Zurschaustellung).
Am See kann man einen Badeanzug tragen oder eben einen Bikini. Das ist eine Frage der eigenen Bequemlichkeit, nicht der Ästhetik anderer. Dieses Recht gilt für Junge wie für Alte, für Schlanke und Dicke.
Ich persönlich bewundere die alten Damen, die nicht mehr viel auf die Blicke oder die Meinungen anderer geben und sich, älter und weiser geworden, die Freiheit zurücknehmen, die man ihnen ihr Leben lang vorenthalten hat mit all dem „müsste“, „sollte“, „könnte“ und den unzähligen anderen Konjunktiven, die als Imperative dienen und den Menschen die eigene Bedürfnislage erklären und vorgeben sollen.
Ich bin auch heute noch nicht so weit zu wagen, einen kurzen Rock zu tragen. Schon als Kind war ich Mobbing ausgesetzt und die Angst vor Spott und Hohn sitzt tief. Aber ich fahre bei Hitze an den See und trage Bikini. Ich habe keine Hemmungen mehr, in der Sportumkleide nackt herumzulaufen, auch wenn ich es noch nicht sicheren Ganges kann.
Auch  bin ich die Nötigung leid, die mit dem Schlankheitswahn einhergeht. Mein Gewicht hat sich, dank einer Ernährungsumstellung auf etwa 72 kg eingependelt. Ich verbringe meine Tage nicht mehr über der Kloschüssel oder mit permanentem Hunger. Es hat ein halbes Leben gedauert, meiner Essstörung zu entfliehen und der Lernprozess geht weiter.
Und um es noch einmal klar zu sagen: Es ist nichts anderes als Diskriminierung und das totalitäre Einschränken individueller Freiheit, wenn ausgesprochen oder unausgesprochen gesellschaftliche Bekleidungsverbote verhängt werden.
Es ist nicht besser, nicht kultivierter, nicht moderner als jedes Kopftuchgebot.
Und schon gar nicht ist es „freiwillig“, wenn die einzige Alternative darin besteht, die Kleider und die Körperlichkeit der Wahl zu tragen und dafür beschimpft, bespuckt und geringgeschätzt zu werden.
Und nein: Ihr ästhetisches Empfinden ist eben Ihres. Es sollte für Ihre Mitmenschen eine untergeordnete bis gar keine Rolle spielen.
Sparen Sie sich die Blicke, sparen Sie sich die Worte.
Solange kein Mensch zu Schaden kommt ist erlaubt, was gefällt.
Und Sie, liebe visuell geprägte Mitmenschen, haben doch einen entscheidenden Vorteil, der mir nicht vergönnt ist: Sie können einfach die Augen schließen, wenn Ihnen etwas das ästhetische Bild verhagelt.
Die Ohren verschließen ist selbst mit den besten Ohrenstöpseln bedauerlicherweise noch immer nicht möglich.

Meine liebe Claudia, Du beendest Deinen Text folgendermaßen:
Heute am Morgen hat der Spiegel zu mir gesprochen, während ich mich für die Terrasse bikinifit machen wollte. Er teilte mir mit, in Zukunft an öffentlichen Badeplätzen, an Stränden und in Beachclubs, auf Kreuzfahrtschiffen, falls ich je eines betreten sollte, nur mehr altersgemäß, würdevoll im schicken, figurformenden Einteiler samt passendem Pareo aufzutreten. Und diesen Umstand finde ich nun nicht befreiend, sondern eher einengend.“

So ist es.
Einengend. Freiheitsberaubend.
Wenn Du dem Krebs die Stirn bieten konntest, dann sollte Dir der ästhetische Anspruch, den andere an Dich stellen, selber aber kaum erfüllen können, nicht mehr viel bedeuten.
Ich wünsche Dir von Herzen, doch noch vor Sommerbeginn einen Bikini zu finden, Freiheit zu wagen und die wenige Sonne, die wir hierzulande genießen können, möglichst überall zu spüren.

 

(Veröffentlicht am 09.06.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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