Biographisches, dem Augenblick geschuldet

Ein wenig neidisch bin ich in der Vergangenheit am Bildungstempel, dem Universitätsgebäude, vorbeigefahren, wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt musste.
Das Welfenschloss, idyllisch gelegen inmitten des Welfengartens, einem prächtigen Teil der Herrenhäuser Gärten, markiert das Ende des Klassizismus und wirkt in der heutigen Nutzung weit angemessener, als der in der Zeit des Baus angedachten Unterbringung des Adelsgeschlechtes. Geschichtsträchtig. Ein Prunkbau. Zugegebenermaßen sind die An- und Neubauten nicht halb so ansehnlich und doch:
Ich stellte mir regelmäßig vor, dass es etwas Erhabenes haben müsste, dort die Stufen hinaufzusteigen und einer von denen zu sein, die sich auf den Weg ins Bildungsbürgertum machen.

Meine eigene Herkunft ist von einem mehr als bildungsfernen Elternhaus geprägt.
Ich war schon in Jugendjahren zumindest dahingehend schon immer eine Ausnahme, als dass ich wohl die Einzige in der Familie war, die gerne und regelmäßig ein Buch zur Hand nahm.
Die persönlichen Anlagen und Befähigungen sind jedoch eine Sache, die Prägung durch Familie und auch die Optionen die einem durch Gesellschaft und Elternhaus offenstehen eine ganz andere  Und so las ich, zeichnete ich, sang ich, schrieb ich schon in Jugendjahren mit viel Begeisterung, aber da der Rest meiner Familie eher nicht dazu neigte, sich zu irgendetwas ab von Glotze, gelegentlichem Grillen, Fußball oder lauter Musik begeistern zu lassen, blieb ich damit alleine. Und vor allem unterfördert wie auch unterfordert.

Meine Mutter hatte keinen Schulabschluss, keine Interessen, wenig Elan daran etwas zu verändern.
Mein Stiefvater hatte immerhin mittlere Reife erworben, zog es jedoch vor, daraus nichts zu machen. Keine Ausbildung, keine Arbeit trotz guter Gesundheit, sah man vom übermäßigen Alkoholkonsum ab, keine Lust.
Vor allem hatten beide auch nicht vor, ihre Lebenssituation den beiden vorhandenen Kindern anzupassen. Kein Teilen der Interessen, keine tiefgehenden Diskussionen. Wir  Kinder verbrachten den Großteil unserer Zeit in unseren Zimmern. Entsorgt und im wünschenswertesten Falle ruhig, friedlich und bedürfnislos. Selbst gegessen wurde getrennt. Wir hätten das alte Mobiliar mit Kleckereien ruinieren können.

Und so lebte ich eigentlich schon mit zehn oder elf alleine, meist mit der Nase in Büchern. Mit Vorliebe Fantasy, Horror, auch Jugendliteratur. Alles, was spannender war, als mein tristes Leben zog mich an und bot mir Zuflucht. Und auch in der Musik konnte ich mich verlieren. Während meine Eltern mit Vorliebe hörten, was die Charts eben so anboten, liebte ich die 50er und 60er, alten Soul, Doowop, oft auch kitschiges Zeug, das mir mit seiner klebrigen Süße ein wenig Bitterkeit nahm.

Ich war, wie die meisten Mädchen, wohl reichlich naiv, glaubte an die Schulpredigten von Chancengleichheit, obwohl ich es damals schon besser hätte wissen können. Heute bin ich froh, dass ich es nicht begriff. Die Zeit in der wir naiv sein dürfen und noch können ist wertvoll und schafft eine Basis, hoffen zu können, auch dann noch, wenn die Naivität der Realität weichen muss.
Zwar hatte ich immer wieder Lehrer, die ab und an mal versuchten, mir Mut zu machen, mehr zu wagen, wie eine Deutschlehrerin, die nach einigen Aufsätzen im Themenbereich „freies Schreiben“ ein „gewisses Talent“ attestierte. An wirkliche Förderung jedoch erinnere ich mich nicht.
Am nächsten kam dieser vielleicht noch die Idee meiner Theater-AG Lehrerin, die mich auf ein Vorsprechen nach der Schulzeit vorbereiten wollte. Wobei ich anmerken muss, dass Schauspiel nun wirklich nicht zu meinen Talenten zählt. Nicht mal ein klein wenig. Kamerascheu bin ich obendrein.
Die größte Leistung meiner Theater-AG –Zeit bestand wohl darin, mich überhaupt auf eine Bühne zu wagen.
Als gemiedene Außenseiterin war das ein Wagnis und bis heute bin ich stolz, dennoch vor all den anderen Schülern gestanden zu haben, anstatt ihnen den Triumph der stillen Selbstaufgabe zu gönnen.

Auch hat die Bühnenzeit mich schließlich zu meinem späterem Job, dem Singen, gebracht.
Aber habe ich in all der Schulzeit erfahren, dass ich meine Talente und Möglichkeiten hätte schleifen können? Dass Selbstentfaltung machbar gewesen wäre? Nein.
Ich verkümmerte, verlor die Lust am Lernen, sang erst Jahre später wieder, schrieb nur unregelmäßig, wurde krank und kränker vor den Augen meiner Eltern, meiner Lehrer, Mitschüler.

Ich zog mit siebzehn von Zuhause aus. Mein Stiefvater hatte sich den goldenen Schuss gesetzt, wir mussten umziehen, da die Wohnung vom Regelbedarf nicht gedeckt wurde. Ich hatte schon einige Wochen vorher von Freunden von der Möglichkeit gehört, in betreutes Wohnen zu gehen. Eine Möglichkeit, die es damals noch gab, und die man heute Jugendlichen vorenthält was sicherlich zu der Zunahme von Jugendlichenobdachlosigkeit beiträgt, die zu verzeichnen ist.
Und so schwänzte ich einen Tag die Schule, um beim sozialen Kommunaldienst vorstellig zu werden. Ich nannte meinen Namen, die Dame fand zu diesem Namen einen dicken Aktenordner (von dem ich leider bis heute nicht weiß, was er enthielt) und meinte: „Das wird kein Problem.“

Damit war ich raus aus dem Elternhaus, etwa ein halbes Jahr bevor ich 18 wurde, was hinsichtlich Unterschriften für den eigenen Mietvertrag und Bankkonten und all der Dinge, die ein eigenständiges Leben versprechen, gelegentlich schwierig war. Jedoch bekam ich einen Sozialarbeiter an die Seite gestellt und der Sprung ins kalte Wasser war so etwas weniger schwierig.

Dank all dieser Nebenkriegsschauplätze hatten meine Schulleistungen ein wenig gelitten, ich besuchte die Realschule, und ein erweiterter Realschulabschluss, der zum Gymnasium führt, bedurfte einer glatten 3.0. Ich hatte eine 3,2 erreicht… dank der bürokratischen Überkorrektheit und der Irrelevanz meiner privaten Geschehnisse bestand also der Zwang zu einer Extrarunde, um danach, so erhoffte ich es mir zumindest, das Gymnasium besuchen zu dürfen.

Das Wohnen allein gestaltete sich schwieriger als erhofft. All die Qualen, die mich in Form meines Familienlebens, des ständigen Mobbings zu Schulzeiten (zweimal sogar von Lehrerseite) heimgesucht hatten, sie konnten nicht einfach verschwinden, sich in Luft auflösen. Heute weiß ich eigentlich gar nicht mehr, wie ich überhaupt so lange habe weitermachen können. Ich erinnere mich schon im frühen Jugendalter an Zeiten, in denen konzentriertes Arbeiten an Hausaufgaben nicht mehr möglich war, in denen eine tiefgehende Müdigkeit überhandnahm, die mich bis heute nicht verlassen hat. Ich erinnere mich daran, dass ich bereits mit 12 die ersten Suizidgedanken hatte, das Morbide mich nicht losließ. Und doch ging ich dennoch noch eine Weile weiter zur Schule, schaffte mit einer 2,4 den Sprung aufs Gymnasium. Dort fiel mir das Lernen sogar eher leichter. Ich konnte zwar zu Hause nicht arbeiten, weil ich schon in der Zeit für jede Stunde Arbeit unzählige Stunden Ruhe im Nachhinein brauchte, und doch lernte ich durch Zuhören genug, um bis zum Halbjahreszeugnis bei einer Durchschnittsnote von 2,2 zu stehen. Zu Hause türmte sich das Chaos, ich begann, zum Messi zu werden, weil ich mich einfach nicht mehr bewegen konnte….

Und dann ging nichts mehr.

Ich blieb morgens liegen. Nicht aus Faulheit und weil mich niemand nötigte, sondern weil ich nicht mehr aufstehen konnte. Ich genoss es auch nicht mit Fernsehen und Wohlfühlen. Ich zählte die Stunden: “Jetzt hätte ich Geschichte“, „nun beginnt die Pause“, „gleich Englisch bei Frau Soundso.“ So lief  das Tag für Tag. Ich ging gelegentlich, wenn ich konnte. Und es passierte und begegnete mir, was nun mal üblich ist, wenn jemand scheinbar „schwänzt“: Die ein-zwei Mitschüler, mit denen ich Kontakt hatte, sprachen nicht einmal mit mir, als hätte ich aus den „freien Tagen“ eine ansteckende Krankheit mitgebracht. Keine Fragen, auch keine Vorwürfe. Die Lehrer fragten nicht sonderlich hartnäckig und ich hätte auch nichts zu sagen gewusst. Ich hatte ja keine Ahnung, was mir fehlte. Ich hasste mich, weil ich den Weg, den ich mir vorgenommen hatte, die erste meiner Familie mit Abitur zu werden, nicht schaffen würde. Autoaggressives Verhalten war damals ein steter Begleiter.
Und schließlich suchte ich mir aus den Gelben Seiten eine Therapeutin.

Irgendwann während des letzten Halbjahres konnte ich, nachdem ich zusätzlich einen Neurologen empfohlen und an die Seite bekommen  hatte, meinen Lehrern erzählen, ich sei an Depressionen erkrankt. Man äußerte Verständnis, aber selbstverständlich ging der Schulbetrieb weiter. Ohne mich. Mein Abschlusszeugnis des Gymnasiums fiel dementsprechend schlecht aus. Ich bestand jedoch trotz der Fehlzeiten. Meine guten Leistungen im Halbjahr zuvor hatten es möglich gemacht. Vorzeigbar ist dieses Zeugnis dennoch nicht. Wenn ich dieser Tage jemals eines benötige, reiche ich lieber meinen erweiterten Realschulabschluss weiter.

An dieser Stelle endete für  mich der Traum, irgendwann einmal zu studieren. Ich hatte für die Studienrichtung noch keine wirkliche Zielvorgabe und wäre wohl in Germanistik und Anglistik gelandet. Fast muss ich sagen, dass es zum Glück nicht klappte. Heute weiß ich, dass ich Sprache zwar liebe, aber selten in so trockener Form, wie die Germanistik sie bietet. Heute wäre mein Fach der Wahl allgemeine Linguistik und auch für die Sonderpädagogik habe ich viel übrig, verbindet sie doch in so vielen Teilen Inklusion, Soziales und Sprache.

Ich bin 35, habe den Großteil meines Lebens als Arbeitsunfähige zugebracht. Viele verpasste Chancen habe ich Familie und Bildungssystem aber später dann auch bürokratischer Wahnhaftigkeit hierzulande zu verdanken. Einen Antrag auf Ausbildung zur Logopädin schlug fehl. Der zuständige Mitarbeiter des Jobcenters wusste nicht einmal, dass Logopädie ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf ist. Ich sei „Risikofaktor“, weil ich meine Depression nicht als dauerhaft geheilt nachweisen konnte, wie ein gebrochenes Bein. Als ich ihn frage, ob er mich lieber ein Leben lang würde finanzieren wollen, habe ich ohne Umschweife ein „Ja“ zu hören bekommen. Lieber diese kalkulierbaren Kosten, als das Risiko einer Ausbildung, die sich möglicherweise nicht bezahlt machen würde.

Als ich später, mitten in der hitzigen Diskussion um den Mehrbedarf an Erzieherinnen hierzulande, eine staatliche Schule aufsuchte, um eine Ausbildung zur Erzieherin zu machen, damit also eine kostenlose Ausbildung, gab mir die Lehrerin dort zu verstehen, man würde mich zwar gerne nehmen, könne aber nicht. Die Ausbildung sei zwar kostenlos, aber sobald ich eine Vollzeitausbildung anfinge, hätte ich keinen Anspruch mehr auf Leistungsbezug, stünde also ohne Geld da.Auch hier bin ich im Nachhinein eher froh, dass meine Versuche ins Leere gelaufen sind, denn zur Erzieherin bin ich kaum geboren. Und doch:
An Absurdität war dieses Possenspiel kaum zu übertreffen.

Die so im Sande verlaufenen Versuche in einer Zeit, in der ich das Gefühl hatte, etwas stabiler zu werden, ließen mich wieder versacken, vereinsamen.
Ich hatte mit Anfang zwanzig einige Jahre selbstständig beruflich gesungen, als Teil einer Tanzband, bei Hochzeiten Betriebsfeiern und Schützenfesten, Galas, Silvesterfeiern. Aber gutgehen konnte das nicht, den Lebensunterhalt mit einem Job zu verdienen, den man beinahe ausschließlich am Wochenende ausüben kann. Und so wartete am Ende dieser „Karriere“ die Privatinsolvenz.

Lange hatte ich nun die Idee aufgegeben, nochmal genug Mut aufzubringen, wenigstens kleine Schritte zu gehen.
Und doch ließ mich der Drang zu lernen, zu denken, zu fragen nicht los. Und im Aufgeben war ich noch nie sonderlich gut, nicht mal, wenn es angebracht gewesen wäre.
Und so ließ ich mich durch meine phantastische Therapeutin hinreißen, wenigstens ein Gaststudium anzufangen, wenn ich schon nicht offiziell studieren durfte.

Während ich jetzt schreibe, sitze ich vor der Mensa. Es ist Frühling, Start des Sommersemesters, die Sonne scheint. Und obwohl ich letzte Nacht nicht habe schlafen können, weil die Aufregung und die nachteulenunfreundliche Nötigung, die erste Vorlesung um 8 Uhr besuchen zu  müssen, es unmöglich gemacht haben, geht es mir gut. Das Thema der ersten Vorlesung lautete „Europa-Politiken und Probleme“, dem wird in einer guten Stunde „Postdemokratie“ folgen.  Und wenn ich am Donnerstag alle Unterschriften der Dozenten eingeholt habe, u.a. noch für “Psycholinguistik” und “Sprache und Geschichte”, dann werde ich tatsächlich, wie ich es mir so oft vorgestellt habe, das Unigebäude ganz offiziell betreten dürfen. Vielleicht sogar irgendwann so, als sei dies ganz normal.

Drückt mir die Daumen, dass der Antrag auf Gasthörerschaft und Ermäßigung auf ebendiese, durchgehen.

Dass dieser tolle und spannende Tag einer von vielen wird.

 

(Veröffentlicht am 14.04.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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