Am Anfang war das Wort

Wer, wie ich, noch verordneten Religionsunterricht erlebt hat, der war auch irgendwann mit dem Johannesevangelium konfrontiert. Dessen erster Satz ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen:

„Am Anfang war das Wort“

(Tatsächlich heißt es im Johannesevangelium noch „im Anfang war das Wort“, jedoch würden wir dies heute so nicht mehr sagen.)

Meine Sprachaffinität und das ständige „Warum?“, das ich in meinem Hinterkopf mit mir herumtrage, ließen nicht locker.
Konnte am Anfang das Wort gewesen sein?
Was steht am Anfang allen Seins und Tuns?

Ich untersuchte meine eigene Vorgehensweise, meinen Sprachgebrauch und stellte fest, dass das Wort, so sehr ich es auch liebte, bestenfalls Mittler war.
Vor jedem Wort stand die Intention. Ein Gemisch aus Emotionen, Willen, Vorstellung, dem das Wort dann Form gibt.
Das Wort ist, in begrenzter Weise, Ausdruck unseres inneren Chaos‘.
Wir ordnen mit Worten unsere Gedanken und geben ihnen Form, schaffen damit gleichzeitig die Möglichkeit, unser Gegenüber teilhaben zu lassen.

Nichts unterscheidet den Menschen so sehr vom Tier, wie die Fähigkeit zur Sprache in Wort und Schrift.
Nichts hat die Menschheit so sehr vorangebracht  wie die Möglichkeit, Erfahrungen und Erlebnisse zu dokumentieren und der nächsten Generation weiterzureichen, so dass diese nicht dieselben Erfahrungen erneut machen musste, sondern aufbauend auf der letzten Generation weiter forschen, lernen, entdecken konnte.
Die Primatenforschung liefert da phantastische Einblicke in die Möglichkeiten aber auch die Begrenztheit der kulturellen Weiterentwicklung der Affen, da diese im besten Falle aus Erfahrung, sehen und Übernehmen vorgelebter Verhaltensweisen lernen, so dass Erfahrungen zwar von Generation zu Generation weitergereicht werden, jedoch ohne direktes Antrainieren nicht überdauern würden.

Viele Menschen beklagen, dass der emotionale Fortschritt, der philosophische, dem wissenschaftlichen hinterherhinkt. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass das Individuum gefühlte Erfahrungen grundsätzlich selber sammeln muss und sich kaum anlesen kann, dass für wissenschaftliche Erfahrung jedoch die dokumentierte Erfahrung vergangener Generationen ausreicht. Sprich: Wenn Sie wissen möchten, wie man ein Regal baut, Sie dies vorher aber nie getan haben, reicht Ihnen im Notfall ein Buch mit guter Anleitung (und zwei mehr oder weniger geschickte Hände). Wenn Sie jedoch wissen möchten, welchen Sinn das Leben hat, wie sich Liebeskummer anfühlt und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, Sie an Emotionen Ihrer Mitmenschen teilhaben wollen, hilft kein Buch sondern nur die eigene Erfahrung. Emotionale Tiefe bedarf mehr als bloßer Theorie. Auch wenn Zuhören eine Menge beitragen kann zum Erfahrungsausbau.

So ist denn auch eines meiner liebsten Sprichworte: „Der Narr lernt aus eigenen Fehlern, der Weise aus den Fehlern anderer“. Auch hier liegt jedoch selbstverständlich eine gewisse Begrenztheit. Wir müssen unsere Fehler selber machen. Diesen Prozess erspart uns kein Buch der Welt.

Dennoch gibt es hinsichtlich Sprache einen Bereich den Mensch sträflich vernachlässigt hat:

Gestik und Mimik.

Sie sind heute noch so wichtig, wie sie es zu allen Zeiten waren, nur haben wir verlernt, sie bewusst zu deuten und zu nutzen.
Vielleicht hat Mensch irgendwann geglaubt, seine Sprachbefähigung würde Gestik und Mimik irrelevant machen, Gestik und Mimik seien niedere Ausdrücke tierischen Seins.
Wir zahlen heute einen hohen Tribut für diese Fehlannahme.
Erst Sprache in Verbindung mit Gestik und Mimik macht das Bild ganz.

Möglicherweise haben einige die Serie „Lie to me“ gesehen, deren erste Staffel ich sehr ans Herz legen möchte. Sie basiert auf den wissenschaftlichen Forschungen von Paul Ekman, der sich mit Gestik, Mimik und Mikroausdrücken befasst. Zwar ist das Lernen durch die Serie, also durch Schauspieler, kontraproduktiv, denn die Schauspieler sollen wahre Emotionen darstellen, was nicht der echten Gestik und Mimik entspricht und somit dem Intendierten „Lernen am Objekt“ entgegensteht, dennoch kann man gewisse Basiserkenntnisse gewinnen, auf denen es aufzubauen lohnt.

Wer sich im Lesen von Gestik und Mimik übt, der ist nicht auf das Wort als Maß aller Dinge angewiesen. Auch geben unterschiedliche Intentionen beim Sprecher oft ein gänzlich anderes Bild des Gesagten.
Eine Erfahrung, die ich damit gemacht habe:

Einige Zeit vor Sarrazins großem Erfolg mit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ und dessen biologistischem, rassistischem Unsinn von der Vererbung von Dummheit (die die Epigenetik völlig außer Acht ließ und von Wissenschaftlern verrissen wurde), sah ich Sarrazin in einer Talk-Show. Er bekam dort viel Raum zu reden und ich weiß noch, wie ich herzlich lachen konnte. Alles in seiner Körperhaltung forderte Aufmerksamkeit ein. Ein Mann, der glaubte, viel zu sagen zu haben und der unbedingt gehört werden wollte. Er war, und ist bis heute, nicht sehr wohlartikuliert und das unterschwellige, doch so offensichtliche Betteln um Aufmerksamkeit ließ mich laut auflachen.

Ich muss zugeben, dass mir das Lachen vergangen ist, als er dann dieser Intention Taten folgen ließ mit rassistischen Parolen, die ihm die gewünschte Aufmerksamkeit brachten.
Allerdings sicherlich von einer Seite, die er sich nicht wollte, hungert er doch nach Anerkennung von Menschen, denen er sich intellektuell ebenbürtig glaubt.

Das Lesen nonverbaler Kommunikation ist erlernbar, kein Talent, keine Kunstform.

In der Sprache liegt das Potenzial zur Lüge, Mimik und Gestik hingegen lügen nie.
Erst beides zusammen verleiht der Eindimensionalität der Sprache die Notwendige Tiefe.

Ab von der Form der Sprache, die wir außen vor lassen, müssen wir nun aber feststellen, dass wir uns als Menschen dazu entschlossen haben, Sprache als Basiskommunikationsmittel festzulegen.
In diesem Sinne sollte uns am Herzen liegen, was wir äußern und wie wir es äußern.
Dies führt mich zur, oft verschmähten, Political Correctness.
Im Englischen gibt es das Sprichwort:
„Sticks and stones may break my bones, but words will never hurt me”
Übersetzt heißt das in etwa: “Stöcke und Steine mögen meine Knochen brechen, Worte jedoch werden mir nie weh tun”

Die Idee, Worte könnten keinen Schaden anrichten, da sie ja nicht physisch wirken, kann man getrost in die Mottenkiste packen. Wer Mobbing zu Schulzeiten oder als Erwachsener am Arbeitsplatz erfahren hat, kann das Ausmaß erahnen, in dem Worte wirken können.
Das falsche Wort am falschen Platz kann Ängste auslösen, Depressionen, Essstörungen, soziale Phobien und es kann dauerhafte Schäden verursachen.

So war die Intention der Political Correctness-Bewegung denn auch
die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können. Die mit „PC“ bezeichnete Politikform Affirmative Action entstand in den 1980er Jahren infolge der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die versuchte, der Diskriminierung von Minderheiten mit Hilfe nicht wertender, neutraler Sprache entgegenzuwirken. Die Bezeichnung politically correct wurde dabei zunächst als Eigenbezeichnung von den Vertretern dieser Bewegung verwendet. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Begriff von der politischen Rechten bzw. Konservativen in den Vereinigten Staaten aufgegriffen, die die Verwendung und Dominanz „politisch korrekter“ Sprache als Zensur und Einschränkung der Redefreiheit rezipierte und bezeichnete. In der Folge griffen auch konservative Kreise in Europa diese Kritik auf.“

Es war das Recht des Individuums, sich nicht von der Mehrheitsgesellschaft abwerten lassen zu müssen. Das Recht darauf, nicht als  „Krüppel“, „Neger“, „Kanacke“, „Judenschwein“ diffamiert zu werden, sondern als Mensch mit Rechten zu gelten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Mensch, der Sprache zum Motor seiner Kommunikation macht, muss sich der Macht bewusst sein, die Sprache damit hat. Und verstehen, dass Menschenwürde auch bei einer würdigen Benennung beginnt.

Dass die Kränkungen und Beleidigungen, um die es hier geht, nichts mit kleinen Befindlichkeiten zu tun haben, dass sie nachhaltig auf den Wert einer sozialen Gruppe im Gefüge wirkten und wirken, wird heute von den Verfechtern der Political Incorrectness außer Acht gelassen. Und so kann es auch nicht verwundern, dass diese „hehren Freiheitskämpfer“ vor allem eines unter diesem Deckmäntelchen der vermeintlichen Redefreiheit tun:

Gegen Minderheiten hetzen, Diffamieren, Verallgemeinern, Pauschalisieren.

So tun sich die Rechten, die Antisemiten, die Menschenverächter aller Couleur zusammen und glauben sich auf der Seite des Freiheitskampfes, wenn sie Political Correctness zur Nötigung degradieren, konform gehen zu müssen, sich zeitgleich um die eigenen Konformitäten aber nicht scheren, wenn es um undifferenzierte Verurteilung ganzer Menschengruppen geht.

Am Anfang steht die Intention, die sich schon in Körperhaltung, Mimik und Gestik äußert, der folgt das Wort, dem im besten oder schlimmsten Falle eine Handlungsweise folgt. Deswegen ist es wichtig, rassistische Kommentare ernst zu nehmen, sie nicht für bloße Lippenbekenntnisse zu halten.
Deshalb ist der skandierte Antisemitismus nicht bloße Pöbelei. In den Hetzreden äußert sich der Geist der Redenden und kündet von kommenden Handlungen.
Das Wort ist Mittler zwischen Intention und Handlung. Wer derart über Menschen redet, dem muss man zutrauen, es morgen in die Tat umzusetzen.

Jeder Mensch sollte sich in dieser Gesellschaft frei und unbelastet bewegen können.
Unter Generalverdacht oder permanenter Anfeindung ausgesetzt ist dies nicht möglich.
Wer die Rede- und Meinungsfreiheit missbraucht, um anderer Menschen Freiheit einzuschränken, hat den Freiheitsbegriff nicht verstanden

Dabei geht es bei Sprache insgesamt um die Fähigkeit zur Differenzierung.
Je kleiner der Wortschatz, desto schwieriger wird es, sich seinem Gegenüber mitzuteilen.
Wer gerne liest, wird wissen wovon ich schreibe, welchen Unterschied es gibt zwischen der simplen Aussage: „Die Wiese ist grün“ und einer lyrischen Annäherung der Sorte „Es färbte sich die Wiese grün“.

So ist auch der Schriftstellerische wie auch journalistische Offenbarungseid grundsätzlich der Superlativ. BILD und Bohlen, Media Markt und auch Fifty Shades of Grey, sie alle glänzen mit Sprachlosigkeit. Hier dienen Superlative, Zuspitzung und Verallgemeinerungen anstelle von Differenzierung, der Reduktion der Sprache auf Schlagworte und Schlagzeilen. Das verfängt, ist aber sprachlich die Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Hätten wir so wenig Komplexität gewünscht, hätte es Grunzen vermutlich auch getan.

Wer die Notwendigkeit zur differenzierten Äußerung nicht erkennt, dürfte sich mit seiner eigenen Sprache und seiner Haltung zur Sprache nur wenig auseinandergesetzt haben.
Dabei ist Sprache unser aller Hauptwerkzeug im Umgang miteinander und verdiente pflegliche Behandlung und vor allem bewusste Nutzung.

Am Anfang war die Intention, der folgte das Wort auf dem Fuße.

 

(Veröffentlicht am 12.04.15 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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2 comments

  1. Besonders gut hat mir der Abschnitt über den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und emotionaler Erfahrung. Aber du stellst auch eine Behauptung auf, welcher ich gerade auf Grund meines autistischen Blickwinkels doch sehr zu widersprechen wage: „In der Sprache liegt das Potenzial zur Lüge, Mimik und Gestik hingegen lügen nie.“ Ich denke, es verhält sich genau umgekehrt. Ich bin z.B. ein ganz schlechter Lügner. Meist sieht man mir die Lüge schon an der Nasenspitze an. Das liegt meines Erachtens daran, dass ich von nonverbaler Kommunikation nichts verstehe. Umgekehrt ist es daher auch besonders einfach, mich zu belügen und oftmals tun das meine Mitmenschen sogar rein versehentlich, da sie davon ausgehen, dass ich bestimmte Gesten und Wortwendungen schon verstehen werde. Ich verstehe aber nur das nackte Wort, sei es gesprochen oder geschrieben, nicht mehr. Es verhält sich in Wahrheit also genau umgekehrt: Worte allein können nicht lügen, sie benötigen dazu Mimik und Gestik. Ich denke, die meisten Nichtautisten sind sich der Präzision, mit welcher sie Mimik und Gestik einsetzen können, gar nicht bewusst und deine Aussage scheint mir ein guter Beweis dafür zu sein 😉

    • SusannahWinter says:

      Worte allein können eben lügen. Ich kann dir alles mögliche erzählen und doch wird mein Gesicht immer verraten, ob ich lüge oder nicht. Nur: Als Autist kannst du Mimik (vermutlich) nicht lesen. Das ist ein wenig wie ich selbstverständlich einem gesichtsblinden nicht erzählen kann, dass ich mir anhand von Details wie Sommersprossen ein Gesicht zu merken vermag. Oder aber, wie eine ausländische Sprache nicht zu verstehen. Also an dieser Stelle eine Besonderheit deines Autismus‘, keine allgemeingültige Aussage ^^ Tatsächlich überwinden Gestik und Mimik da sogar Sprachbarrieren, denn egal wo man aufwächst, in welchem Land, in welchem Kulturkreis: Bestimmte Emotionen zeigen sich länderübergreifend in derselben Mimik und Gestik. (Schau mal, wenn du Zeit hast, in „Lie to me“ (aber nur die erste Staffel) rein. Sehr spannend. Gerade eben WEIL (und das beschreibst du ja auch) du Mimik nicht lesen kannst, kann dich das Wort so schnell täuschen. Die Mimik verrät aber immer, ob Lüge oder nicht. (Ich bin da dein absolutes Gegenstück und lese weit mehr aus Gestik und Mimik als aus Worten und kann meist auch erkennen, ob Menschen lügen. Dann nicht an ihren Worten sondern eben am Ausdruck). Danke dir aber für die Rückmeldung. Ich verstehe schon, wie du das meinst. Ich denke auch wirklich, dass erst Wort und Mimik den Gesamteindruck machen. So wie dir ein Stück des Ganzen fehlt, wenn du Mimik nicht lesen kannst, fehlt auch einem Tauben ein Stück des Eindrucks, wenn er nur Gestik und Mimik liest

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