März 2016

Terror Live

Kaum waren die ersten Meldungen zu den Terroranschlägen in Brüssel in der Welt, setzte die übliche mediale Reaktion ein:

In den Redaktionen suchte man Live-Material, „Footage“, um die Geschichte möglichst vor den Kollegen der Konkurrenz zu bringen, möglichst eindrucksvoller, möglichst näher am Geschehen.
Man suchte Augenzeugen, am besten noch verängstigt, am besten noch verstaubt, vielleicht blutverschmiert.
Umgehend wurde der Terror verschlagwortet, in Überschriften gepresst, mit Hashtags und Annahmen versehen, damit der Leser keine Sekunde verpassen möge.
Selbstverständlich immer die „Informationspflicht“ im Auge, der sachlich nie gedient wäre.
Was informiert den Medienkonsumenten schon besser darüber, dass Europa vom IS-Terror heimgesucht wird, als weinende Angehörige und Bilder von schreienden und weinenden Menschen, die aus einem qualmenden Zug entkommen.

Und so gab es sekündliche Berichterstattung von BILD über Focus, der SZ über die Tagesschau. „Mittendrin statt nur dabei“, das Motto der Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Social-Media-Ableger diverser Medien. Alles im Sinne der verstörten europäischen Wertegemeinschaft, versteht sich. Weiterlesen

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Lebens-Wert

Madeline ist 18 Jahre alt, Australierin und Model.

Ihre wachsende Fan-Gemeinde liebt sie für ihren Porzellanteint und lange, rote Haare, für ihre Begeisterungsfähigkeit und dafür, dass sie ihren Werdegang mit den Fans via YouTube und Facebook teilt.

Viele junge Frauen träumen von der Karriere, die Madeline gerade macht. Davon, ebenso wie sie bei der New York Fashion Week mitlaufen zu dürfen und zahllose Titelseiten zu schmücken.
Und doch ist es nicht allein dieser Erfolg, der Madeline Stuart so einzigartig macht.
Es ist die Tatsache, dass Madeline damit der ganzen Welt vor Augen führt, was „Lebenswert“ bedeutet.

Denn Madeline hat das Down-Syndrom. Weiterlesen

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Die Sozialdemokratie ist tot

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Das Medien- und Bürgerinteresse, das die gestrigen Landtagswahlen im Vorfeld und im Nachhinein begleitete war groß. Größer, als für Landtagswahlen üblich. Die Wahl galt als Stimmungstest für die Bundestagswahl im kommenden Jahr.

Viel wichtiger aber: Es war die erste Wahl seit der „Flüchtlingskrise“, die die Gesellschaft seit Monaten in Wut- und Mutbürger teilt. Schon seit Wochen war klar, dass die AfD trotz, oder gerade wegen, Schießbefehlrhetorik in den Landtag würde einziehen können. Vor den ersten Hochrechnungen lagen die Prognosen bei geschätzten 15 Prozent AfD-Wähleranteil in Sachsen-Anhalt, für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz galten 11 Prozent als wahrscheinlich. Weiterlesen

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Reden wir über…

 

Stottern

Interview mit Ronja Zimm, seit frühester Kindheit von Stottern betroffen

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(Auf dem Foto: Ronja Zimm / Stottern – Momentaufnahmen / Fotografin: Laura Ludwig)

 

Für die meisten Menschen sind Sprache und das Sprechen an sich selbstverständliche Mittel zur Kommunikation. Wir nutzen sie, um uns mitzuteilen, unsere Emotionen und Bedürfnisse, unsere Meinung. Beim Einkaufen, in Beziehung und Familie, in Schule und Beruf ist das gesprochene Wort Basis für zwischenmenschlichen Austausch. Wie wichtig diese Fähigkeit zur Artikulation tatsächlich ist erfahren oft nur die, denen sie temporär oder langfristig abhandenkommt.

Allein in Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Bei den meisten zeigt sich diese Sprechbehinderung bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Per Definition ist Stottern eine „Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen.“ Tatsächlich entwickelt jedoch so gut wie jeder Stotterer ein individuelles Sprachbild mit ebenso individuellen Ausprägungen der Sprechstörung. Meist wird das Stottern von sekundären Symptomen begleitet. Dazu gehören z.b. das auffällige Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen. Zudem entstehen durch die gehemmte Kommunikation oft auch Rückzugstaktiken, zu denen das „Verschleiern“ gehört, bei dem Füllwörter oder Synonyme genutzt werden, um bekannte Sprachblockaden zu umgehen, aber auch gravierendere Selbstschutzhandlungen wie komplette Sprechvermeidung oder der Rückzug in soziale Isolation. Weiterführende Informationen finden sich hier.

Eine der rund 800.000 Betroffenen ist Ronja Zimm, 29 Jahre alt.

Susannah Winter: Besteht das Stottern bei dir von Kindheit an? Erinnerst du dich daran, wann die ersten Symptome auftraten und wie diese aussahen?

Ronja Zimm: Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, mit dem Sprechen und Stottern angefangen zu haben. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass ich in den ersten Monaten wohl noch fließend gesprochen haben soll und das Stottern erst im Kindegartenalter begonnen hat. Aus dieser Zeit sind auch meine ersten bewussten Erinnerungen: Eine Mischung aus Frustration darüber, dass ich durch die Krämpfe nicht mitteilen konnte was ich wollte und Unverständnis darüber, warum ausgerechnet ich so „anders“ war. Das hat die Kindergartenzeit zu einer tränenreichen gemacht. Weiterlesen

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Legalize it!

(Auch veröffentlicht auf Peira.org)

Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, ist mit Drogen erwischt worden. Crystal Meth soll es gewesen sein. Um genau zu sein, so genau, wie es eben nur spekulative Berichte schaffen: 0,6g des synthetisch hergestellten Methamphetamins, das aufputschend wirkt und den meisten eher von furchteinflößenden Vorher-Nachher-Bildern geläufig sein dürfte. Eine Droge, die vornehmlich mit weißem Prekariat assoziiert wird. Ein Großteil der Reaktionen ist schlicht erbärmlich. Die Bigotterie, die der Empörung innewohnt, vor allem bei denen, die sich ganz besonders hämisch freuen, weil es einen Politiker des ungeliebten Spektrums getroffen hat (und nein, ich bin alles, nur kein Grünen-Wähler), hat ein Ausmaß angenommen, das übelerregender kaum sein könnte. Es ist eine Sache, einen Menschen auf Basis von Inhalten zu kritisieren. Möglichst sachlich und fundiert. Nur geht es hier nicht um Inhalte. Schon gar nicht denen, die am Morgen ihren Kaffee trinken, mittags Energydrinks und Wachmacher schlucken, nach Feierabend ein Bier kippen, sich die nächste Zigarette anzünden und nun angewidert auf den gefallenen Beck zeigen und „Hab‘ ich doch gleich gewusst, dass der nichts taugt“ brüllen. Es sind dieselben Menschen, die sich am Stammtisch tags drauf, bei Wodka und Korn, darüber beschweren, dass die Politik ständig in ihr Privatleben eingreift und ihnen Freiheiten nimmt. Wollten wir eine inhaltliche Debatte führen, wir müssten fragen, warum bestimmte Substanzen zur „Droge“ erklärt und Konsumenten kriminalisiert werden. Wir müssten uns fragen, wer dies bestimmt und warum. Weiterlesen

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Lagerhaus für menschliche Seelen

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com)

Wie ein Lauffeuer muss es sich unter den Wartenden verbreitet haben: Das Gerücht, die Grenze zu Mazedonien sei offen und damit eine Weiterreise ins Innere Europas wieder möglich. Am Grenzübergang zu Mazedonien, dem Grenzposten Idomeni, warten dieser Tage etwa 7000 Flüchtlinge auf ihre Weiterreise. Das Auffanglager dort bietet lediglich Platz für 1500 Menschen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser wie auch medizinische Versorgung sind längst nicht mehr sichergestellt. Nach anfänglichem Jubel über die mögliche Weiterreise fand die anstürmende Menge lediglich noch immer geschlossene Grenzzäune vor. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder, in denen man beobachten konnte wie es einigen Flüchtlingen gelang, einen Teil der mazedonischen Grenze niederzureißen, bevor die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging.

Die Lage in Griechenland verschärft sich zusehends. Spätestens seit Österreich, Slowenien, Kroatien und Serbien auf der Westbalkankonferenz, unter Ausschluss von Deutschland und Griechenland beschlossen haben, nur noch ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen durchreisen zu lassen, im Falle Österreichs eine Obergrenze von 80 Asylbewerbern pro Tag und eine Durchreiseerlaubnis nach Deutschland von 3200 Flüchtlingen pro Tag,  entsteht in Griechenland ein Rückstau.  Geschätzt 22.000 Flüchtlinge sitzen derzeit dort fest, bis im März geht man von zu erwartenden 70.000 Menschen aus. Weiterlesen

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Dankeschön

Mein kleiner Blog „Tonfarbe“ feiert heute sein Einjähriges Bestehen. Genau der richtige Zeitpunkt, um allen Lesern aber auch Mitwirkenden „Danke“ zu sagen. Als ich vor einem Jahr angefangen habe, war ich mir nicht so sicher, ob ich durchhalten würde. Für Menschen mit Depressionen ist Regelmäßigkeit nicht selten ein großes Problem. Tatsächlich darf ich aber heute feststellen, dass ich unruhig werde, wenn ich zwei Wochen lang nichts geschrieben habe und ich Spaß daran finde, während des Schreibens und beim Recherchieren auch immer wieder dazuzulernen. Für die Zukunft geplant ist der Ausbau meiner Serie „Reden wir über…“ (Es schwirren schon an die fünf-sechs Fragebögen durch die Welt und wer noch Interesse hat, möge sich melden) und in Arbeit ist eine Podcast-Alternative für die, die lieber zuhören anstatt sich die Mühe des Lesens zu machen. An dieser Stelle zwei Menschen nochmal ein besonderes Dankeschön: Bernhard Torsch (Du weißt schon, warum) und Veronika Hosiner, die mir den Einstieg in mein Herzensprojekt so leicht gemacht hat. Auch zu Danken gilt es selbstverständlich der Redaktion von “FischundFleisch” für Zuspruch und Unterstützung sowie ein Forum und Herrn Rainer Thiem und der Seite Peira.org, ein lesenswertes Forum der Piraten, für die ich hin und wieder schreiben darf. Ein paar Zahlen zum Schluss: In dem Jahr gab es 6980 Unique Clicks, 9419 Besucher insgesamt, 79 Kommentare, 102 „Gefällt mir“. Vielen lieben Dank jedem Einzelnen für Motivation und Diskurs, Verbesserungsvorschläge und Lob.

Ich freue mich auf das kommende Jahr.

 

(Veröffentlicht am 27.02.16 auf Tonfarbe.wordpress.com)

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